Anekdoten: Theater im Sonneneck

2003 fei­er­te man in Oer-Erken­schwick »90 Jah­re Schwes­tern von der Gött­li­chen Vor­se­hung« im »Kin­der­heim St. Agnes«. Zu die­sem Anlass haben zahl­rei­che Weg­ge­fähr­ten schö­ne Geschich­ten und Anek­do­ten zu Papier gebracht, die wir an die­ser Stel­le gern ver­öf­fent­li­chen möchten.

 

Thea­ter im Sonneneck


m Rah­men mei­nes Aner­ken­nungs­jah­res zur Erzie­he­rin stell­te sich mir die Auf­ga­be, ein Pro­jekt mit und für die Kin­der zu pla­nen und durch­zu­füh­ren. Die­ses Vor­ha­ben klingt gut, dach­te ich mir und begann fro­hen Mutes mei­ne Plä­ne zu schmie­den. Eine Thea­ter­auf­füh­rung hat­te ich mir als Ziel aus­ge­guckt, da Ziel­set­zung und eige­nes Inter­es­se dort zu einer Über­ein­stim­mung zusam­men­lie­fen. Dann galt es, die schrift­li­chen Ideen in die Tat umzu­set­zen, und das »Thea­ter« begann.

 

emein­sam mit den Kin­dern und Jugend­li­chen schrieb ich ein eigens auf die Grup­pe pas­sen­des Thea­ter­stück. Kei­ne leich­te Auf­ga­be, denn wer darf die Haupt­rol­le spie­len und war­um gera­de die­ses Kind? Immer darf die­ses Kind alles und alle ande­ren Kin­der nichts. Ist schon eine unge­rech­te Sache, eine sol­che Vor­füh­rung. Als nach lan­gen Dis­kus­sio­nen, Trä­nen, Strei­te­rei­en und klei­nen Tob­suchts­an­fäl­len end­lich die Rah­men­ge­schich­te geschrie­ben war, soll­te das Schwers­te geschafft sein?!? Nein, dann begann erst die Zer­reiß­pro­be mei­ner Ner­ven. Kos­tü­me, Büh­nen­bild und zahl­lo­se Pro­ben lie­ßen mein Auto vor Stof­fen, Klei­dern, Far­ben und Bil­dern über­quel­len und die Gesich­ter der Grup­pe strah­len. Nach und nach war mein gan­zer Haus­halt plus der Haus­halt eini­ger Freun­de im Kin­der­heim ver­tre­ten, doch den Kin­dern gefiel es.

 

usge­rüs­tet mit Schwer­tern, magi­schen Kugeln, Musik und Schmin­ke zogen eini­ge Son­nen­ecker und ich los, um das zwei­te Ziel der Text­si­cher­heit zu erlan­gen (Andrea kam dort lei­der nie an …). Im Gegen­satz zu den Kin­dern konn­te ich alle Text­pas­sa­gen im Schlaf spre­chen, doch das brach­te uns nicht wei­ter. Üben, üben, üben hieß es für die wei­te­ren Tage, was leich­ter gesagt als getan ist. Sät­ze wie: „Ach, heu­te geht’s bei mir lei­der gar nicht, bin doch ver­ab­re­det” oder „Frau Schnier, was machen Sie denn hier?” erfor­der­ten einen tie­fen Griff in die Moti­va­ti­ons­kis­te, doch es war meis­tens erfolg­reich. Als dann fast alles für die Auf­füh­rung stand, die Ein­la­dun­gen nach lan­gen Dis­kus­sio­nen über die Aus­ma­ße der Per­so­nen­zahl geschrie­ben waren und der Raum für den „Ernst­fall” gewapp­net war, pack­te ein Kind der Grup­pe das Mit­leid und „über­ließ” mir die Haupt­rol­le (Drei Tage vor der Auf­füh­rung). Ori­gi­nal­te­nor der Jugend­li­chen: „Dann mache ich halt nicht mehr mit, hat­te eh nie Lust dazu! (Eine glat­te Lüge, doch gesagt ist gesagt!) Schön, vie­len Dank, das wäre nicht nötig gewe­sen. Also, ein Kos­tüm schus­tern, Text inten­siv ler­nen, eige­ne Rol­le an Frau Wal­ten-ber­ger wei­ter­ge­ben und Olli die freu­di­ge Bot­schaft über­brin­gen, dass er nicht sei­ne ursprüng­li­che Prin­zes­sin hei­ra­ten wird, son­dern mich. Begeis­te­rung stand in sei­nem Gesicht geschrie­ben, doch uns blieb kei­ne Wahl. Unter grö­len­dem Geläch­ter der Kin­der fand dann die Gene­ral­pro­be statt, wel­che, wie jede Gene­ral­pro­be, nicht den Bach hin­un­ter ging, son­dern hoff­nungs­los in rei­ßen­den Flu­ten ver­schwand. Mein Gedan­ke: „Es kann nur bes­ser werden!”

 

m Tag der Auf­füh­rung soll­te alles wie geplant lau­fen, doch wofür sind Plä­ne da?* Um sie im Ernst­fall über Bord zu wer­fen und gemein­sam mit den Kin­dern die Ner­ven zu ver­lie­ren! Hek­tik brach aus — Wo ist? Wer hat? Ich mach nicht! Ich geh’ jetzt! Ich will nicht! Ich kann nicht! — sind nur klei­ne Aus­zü­ge von Äuße­run­gen, die mei­nen Opti­mis­mus „anstei­gen” lie­ßen. Psst! Ruhe und Vor­hang auf! Alles begann super, ja gut und immer lächeln, egal was kommt… Und es kam, Andrea hing trotz Spick­zet­tel total in ihrem Text fest und starr­te mich mit gro­ßen Augen an. Na ja, nie­mand ist per­fekt und wir konn­ten die Situa­ti­on ja noch ret­ten. Kein Grund zur Panik! Am Ende der Auf­füh­rung, wäh­rend des Applau­ses, fiel den Kin­dern ein Stein und mir ein gan­zer Fels­bro­cken vom Her­zen. Doch wie sagt man so schön: Ende gut, alles gut! Bei son­ni­gen Tem­pe­ra­tu­ren, lecke­rem Kuchen und einer star­ken Tas­se Kaf­fee konn­ten wir dann gemein­sam über klei­ne Pat­zer, ver­gan­ge­ne Pro­ben und ein­zel­ne Sze­nen lachen. Ach, schön war’s doch!

Katha­ri­na Schmier