Stimmen

Von Ingeborg Bodet.

Unser Schwesternhaus feiert den 90. Geburtstag
90 Jahre sind in der Weltgeschichte nur eine kleine Zeit. Doch haben die Ereignisse dieser Jahre meinen Lebensweg begleitet und auch wohl geprägt. Meine ersten Erinnerungen gehen in die frühen Jahre meiner Kindheit zurück. Ich bin in der Kirchstraße, die in der Nähe der alten Kirche St. Josef und dem Schwesternhaus liegt, das heute Kinderheim St. Agnes heißt, geboren und aufgewachsen. Wenn wir sonntags in der Kirche die heilige Messe feierten, nahmen die ehrwürdigen Schwestern, die damals noch weite, wallende Gewänder trugen, immer die drei oberen Bankreihen der linken Kirchenseite ein. Großen Respekt flößten sie mir ein, wähnte ich sie doch dem lieben Gott ein Stück näher als mich.
Später wurde mir das Haus vertrauter. Meine Eltern schickten mich in die Handarbeitsschule, die in den zwanziger Jahren dort eingerichtet wurde, um bei der Handarbeitsschwester einmal in der Woche eine Stunde lang den ersten Umgang mit der Häkel- und Stricknadel zu erlernen. Überhaupt entwickelte sich in den zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre in diesem Haus ein blühendes Gemeindeleben. Junge Frauen gründeten einen Theaterkreis. Unvergessen bleibt den Darstellerinnen ein Stück mit dem Titel „Oer-Erkenschwicker Landestheater”, das sie unter großem Applaus der Gemeindemitglieder aufführten. In der Borromäusbücherei versorgte man sich mit Lesestoff. Der Kirchenchor probte einmal abends wöchentlich und schickte seine musikalischen Leistungen in die Kirchstraße hinüber. Die Männer der KAB sägten, bastelten und schnitzten. Einmal im Jahr, in der Adventszeit, stellten sie ihre Werke aus, von denen noch heute zu Weihnachten eine Krippe unter meinem Tannenbaum steht. Unter Anleitung einer Schwester erlernten Mädchen, Pensionärinnen wurden sie genannt, drei Jahre lang die Haushaltsführung, vor allem das Kochen. Einen hohen Bekanntheitsgrad gewann das Schwesternhaus durch die Einrichtung der ambulanten Krankenpflege. Es gab damals nur zwei niedergelassene Ärzte in Oer-Erkenschwick. Hatte sich jemand verletzt, leichte Schnittwunden und Verbrennungen zugezogen, rief man nach der Krankenschwester, die immer kam und half. Auch bei ernsthaften Erkrankungen holte man ihren Rat ein. War das Schwesternhaus im Laufe der Jahre zum Mittelpunkt des kirchlichen Vereinslebens geworden, lag jedoch die zentrale Bedeutung des Hauses, das in meiner Jugend jeder Erkenschwicker unter dem Namen Waisenhaus kannte, in der Aufnahme und Erziehung in Not geratener Kinder. Man vergesse nicht, dass noch um 1900 in manchen Gegenden Europas viele Kinder betteln muss-ten, um dem Hungertod zu entgehen. Unserem Kinderheim St. Agnes mangelt es heute nicht an kindgerechten Lebenswelten. Moderne Wohnanlagen sind auf elementare Bedürfnisse zugeschnitten, die manches Kind in seinem Elternhaus nicht hat. Darüber hinaus den Kindern ein Zuhause zu geben, Wärme und Licht in ihr Leben zu bringen, sie Zuwendung spüren zu lassen, ist das große Verdienst unserer Ordensschwestern. Durch ihr selbstloses soziales Tun und ihr Gebet fließt reicher Segen in unsere Kirchengemeinde und unsere Stadt Oer-Erkenschwick. Feiern wir das Jubiläum mit herzlichem Dank und dem Wunsch, dass Gott unsere Ordensschwestern und das Kinderheim St. Agnes segne und beschütze, ihnen neue Kräfte verleihe für die vorliegenden Aufgaben.