Anekdoten: Ein treuer Freund

2003 feierte man in Oer-Erkenschwick »90 Jahre Schwestern von der Göttlichen Vorsehung« im »Kinderheim St. Agnes«. Zu diesem Anlass haben zahlreiche Weggefährten schöne Geschichten und Anekdoten zu Papier gebracht, die wir an dieser Stelle gern veröffentlichen möchten.

Ein treuer Freund sagt »Adieu«


m Jahre 1990 verließ ich das Band eines großen Betriebes und bekam eine Besitzerin. Hier hatte ich ein ruhiges Leben und wurde nur selten gebraucht. Schon ein Jahr später, also 1991, wurde ich von einigen interessanten Leuten begutachtet. Meine Neugierde war groß und ich fragte mich, wer denn wohl diese Menschen sind, die sich für mich interessieren und was sie mit mir denn wohl anfangen würden. Wer ich bin? Fast hätte ich vergessen mich vorzustellen. Ich bin der Kombi Opel Kadett, habe eine dezente rote Farbe und verfüge über viel Stauraum.

o spitzte ich die Ohren und erfuhr, dass die Interessenten aus der Pfarrgemeinde St. Josef und aus dem damaligen Kinderheim St. Agnes sind. Sie wollten mich für soziale Zwecke in Dienst nehmen. Meine Freude steigerte sich, als ich erfuhr, dass ich in Zukunft Kinder aus der Jugendhilfeeinrichtung aufnehmen sollte. Pastor Föcking, Sr. Gerlinde und Herr Appelhoff machten mit mir eine Probefahrt. Ich zeigte mich von der besten Seite und gab alles her, was an positiven Eigenschaften in mir steckt. Ich hätte fast einen Sprung gemacht, als der Kauf beschlossen wurde.

etzt lag eine spannende Zukunft vor mir! Einkaufsfahrten – Schwester Gerlinde holte mich oft schon früh am Morgen aus der Garage und fuhr mit mir zum Gemüsemarkt. Das frische Obst und Gemüse duftete oft so stark, dass ich meinen eigenen Treibstoff nicht mehr riechen konnte. Aber mein Motor lief leider nur mit Benzin, und ich musste diesen Geruch halt hinnehmen. Viel wichtiger war es für mich, dass ich gebraucht wurde und war mit unterschiedlichen Fahrern  nach Norden, Süden, Osten, Westen in der nahen und entfernteren Umgebung von Oer-Erkenschwick unterwegs.  Ich war mit den Kindern in Holland, auf Nordseeinseln, an Küstenorten der Nordsee, im Sauerland, in Hessen und erlebte das muntere Treiben der Kinder im Ferienlager. Lärm- und schmutzempfindlich war ich nicht, auch hatte ich eine robuste und stabile Gesundheit. Jeder Tag war individuell, voller Abenteuer. Was habe ich alles erlebt und gesehen. Es ging mir gut. Ich war glücklich.

olche Beanspruchungen hinterlassen kleinere und auch größere Blessuren. Ich spürte, dass es mal hier und mal da zwickte, auch mal kleine Ersatzteile eingebaut werden mussten. Sr. Gerlinde, die meine Freundin war und ich glaube, mich auch liebte (ich liebte sie auch) nahm eines Tages Abschied von mir. Denn so in die Jahre gekommen nahm ich keine Kinder mehr auf. Das ging mir ganz schön an die Nieren. Ich war zwar schon etwas älter, aber aufs Abstellgleis wollte ich noch nicht. So gab ich noch einmal Gas und gab alles, was in meinem hohen Alter noch an Kraft und Energie in mir steckte.

ingesetzt wurde ich dann als Werksattwagen und war jeden Tag wenigstens in der Nähe der Kinder. Viele Jahre hat mich dann der technische Dienst von Gruppe zu Gruppe, von Haus zu Haus, von Stadt zu Stadt gefahren, und ich habe nochmals Neuland kennen gelernt. Ich erlebte wie neue Häuser für die Kinder gebaut wurden, wie sich alles rundherum änderte und wie schön die einzelnen Wohnhäuser für die Kinder und Jugendlichen sind. Die Einrichtung änderte auch ihren Namen und ich war für „junikum“ unterwegs und stand oft vor den „junits“ mit meiner Ladung Nägel, Hammer, Säge und auch Möbelstücke.

Heute, am 09.09.2011,  muss ich nun nach einem erfüllten Dienstleben Abschied nehmen, denn alles hat ja nun im Leben einen Anfang und ein Ende. Ich glaube, dass ich in all den Jahren ein guter Diener war. Wehmütig ist es mir ums Herz, wenn ich das jetzt alles lassen muss. Aber es bleiben die Erinnerungen, von denen ich zehre. Wie meine Zukunft aussieht, das weiß ich nicht – ein kleiner Hoffnungsschimmer ist in mir, denn vielleicht ist das eine oder andere Teil von mir noch brauchbar und landet eines Tages im »junikum«. Danke für die schönen Jahre und die fürsorgliche Pflege und Eure Liebe zu mir. »Adieu und auf Wiedersehen«!

Euer Freund Opel Kadett

Schwester Lucie