Kapitel 1: Die vier Schwestern

Wenn man sich mit der Geschichte des heutigen »junikum« intensiv auseinandersetzt, wird man schnell feststellen, dass die ständig wiederkehrende Zahl »VIER« irgendwie eine besondere Rolle spielt. Sprechen wir beispielsweise über die »Pfarrei St. Josef« in Oer-Erkenschwick, so beheimatet sie heute nicht weniger als »VIER« Kirchtürme und mit »Christus König«, »St. Marien«, »St. Peter & Paul« sowie »St. Josef« exakt »VIER« Gemeinden. Letztgenannte wurde mit dem Bau der Josefkirche ins Leben gerufen. In den Gründungsjahren des damaligen »Schwesternhaus St. Agnes« wird der Zahl »VIER« aber noch aus einem anderen Grund eine maßgebliche Rolle zuteil. Tauchen wir ein in das Jahr 1908…

Wie alles begann…


it Gründung der »Gemeinde St. Josef« im Jahre 1908 eng verwoben sind auch die Anfänge des einstigen »St.-Agnes-Stift«. Die Zechenerweiterung in und um Oer-Erkenschwick brachte viele junge Bergarbeiterfamilien in den Ort, vorwiegend Slowenen, Polen und Ostpreußen, mit ihnen naturgemäß auch viele arme und verwaiste Mädchen, die zwingend eine Heimat benötigten. Bereits 1908 fanden weit mehr als 1.000 Bergleute vor Ort Beschäftigung. Die Bevölkerungszahl stieg entsprechend rapide an. Waren es im Jahr 1899 gerade einmal knapp 1.500 Einwohner so versiebenfachte sich die Zahl der Bevölkerung in und um die Bauernschaft Erkenschwick innerhalb von nur zehn Jahren. Betreuungs- oder gar Ausbildungsangebote mussten allerdings erst geschaffen werden, ebenso die dringend notwendige Krankenpflege. Der damalige Pfarrer Franz Roters, der 1912 offiziell seinen Dienst antrat, aber auch die Gemeindemitglieder waren sich einig dass Hilfe bereit gestellt werden musste. Um den vielen mittellosen Mädchen eine Anlaufstelle zu bieten und eine Ausbildung zu ermöglichen, wurde an der Kirchstraße in Oer-Erkenschwick im Jahre 1913 ein »Schwesternhaus« errichtet. Grund und Boden stiftete seinerzeit Bauer Backhaus.

Ankunft der vier Schwestern


uch der Münsteraner Priester Eduard Michelis erkannte die Not und entsandte am 15. Oktober 1913 – Sie ahnen es – vier »Schwestern der Göttlichen Vorsehung« ins knapp 45 Kilometer entfernte Oer-Erkenschwick. Schwester Winolda sollte sich um die Handarbeitsschule kümmern und gleichzeitig auch als Oberin der Schwesternkommunität fungieren, Schwester Roswinda übernahm die ambulante Krankenpflege in den Ortschaften Oer, Groß-Erkenschwick, Klein-Erkenschwick, Rapen, Horneburg und Essel, Schwester Igenia betreute den Kindergarten – damals: »Kleinkinderbewahranstalt« – und Schwester Merlinda wies die Mädchen in die Kunst des Kochens ein. Platz war in dem neu errichteten »Schwesternhaus« schnell ein kostbares Gut, schließlich gaben sich zahlreiche Besucher aus den umliegenden Ortschaften täglich die Klinke in die Hand.

Das »Experiment«


as sich wie vorprogrammierter Erfolg anhört, war zunächst von einer Menge Skepsis und Unsicherheit geprägt. Pfarrer Franz Roters brachte es damals auf den Punkt: „Klappt das Experiment, so können die Schwestern bleiben. Klappt es nicht, so werden die Räume von den kirchlichen Gruppen und Vereinen genutzt.” Um es vorweg zu nehmen: Es klappte! „Hauptbestreben war es damals, arme und verwaiste Mädchen von der Straße zu holen und ihnen in den verschiedensten Bereichen eine Ausbildung zu ermöglichen”, weiß Schwester Lucie heute zu berichten. Später kamen auch Jungen dazu. In den heutigen modernen Wohngruppen überwiegt der Anteil der männlichen Kinder und Jugendlichen sogar.

»Märtyrerin« als Namenspatronin


in Sprichwort sagt: »Jedes Kind braucht einen Namen«. So auch das frisch errichtete »Schwesternhaus« an der Kirchstraße in Oer-Erkenschwick. Dass die damaligen Verantwortlichen die »Heilige Agnes« mit der Einrichtung in Verbindung brachten, überraschte nicht. »St. Agnes«, die im zarten Alter von zwölf Jahren auf Grund ihres beharrlichen Gelübdes der Ehelosigkeit vor Christus im Jahr 250 durch Römer hingerichtet wurde wird noch heute in verschiedenen Konfessionen als »Märtyrerin der Urkirche«, »geweihte Jungfrau« und »Heilige« verehrt. Die Widerstandsfähigkeit der »Heiligen Agnes« sollte sich nach dem Wunsch der Verantwortlichen auf die vielen jungen Mädchen, die im »Schwesternhaus« an der Kirchstraße mittlerweile ein und ausgingen übertragen – Glaube und Schutz sollten gestärkt werden. So bekam das »Schwesternhaus« in Oer-Erkenschwick den Namen »St.-Agnes-Stift«. Der Orden der »Schwestern von der Göttlichen Vorsehung« mit dem Generalat in Münster nahm sich sämtlicher Aufgaben an.

Austausch aller Gründungsschwestern


an kann die handschriftlichen Aufzeichnungen aus den »Zwanzigern« rauf und runter lesen: die konkrete Not vor Ort wird an jeder Stelle überdeutlich. Arbeitsaufwand und Leistung der Schwestern waren – vorsichtig formuliert – überragend. Dies allein hielt den Laden aber noch nicht zusammen. Hinzu kamen das gute Miteinander sowie das unverzichtbare Zusammenstehen in Not und Leid. Besonders gut für das Klima und die Motivation waren die vielen frohen Stunden, die man zusammen verlebte. Das leibliche Wohl der Mädchen und Schwestern sicherten die vielen Bergleute und Arbeiter, die regelmäßig für Lebensmittel sorgten. Die Gründungsschwestern selbst rieben sich regelrecht auf. Drei von ihnen zog es mit den Jahren zum Altersruhesitz ins münsterländische »Haus Loreto«, Schwester Roswinda, die für die ambulante Krankenpflege verantwortlich war, tauschte gar die Erde mit dem Himmel. Bis zum Jahre 1919 war vom ursprünglichen Schwesternteam niemand mehr an Bord. Die Ordensleitung schickte in der Folge regelmäßig frische Kräfte nach Oer-Erkenschwick.

Platzkapazitäten gesprengt


ie Liste der hilfe- und ausbildungssuchenden Mädchen wurde in den Jahren immer länger. Die Platzkapazitäten im »Schwesternhaus« an der Ludwigstraße reichten längst nicht mehr aus. Dem Auftrag gerecht zu werden wurde demzufolge immer schwieriger. Zur Erweiterung des »St.-Agnes-Stift« wurde 1921 der gemeinnützige Verein »Schwesternhaus St. Josef« gegründet, 1922 folgte dann der lang ersehnte Erweiterungsbau des »Schwesternhauses«.

Endlich konnte auch dem Wunsch nach einem Raum für ambulante Krankenpflege entsprochen werden. Dieser wurde im Westflügel des Hauses eingerichtet. Vier Jahre später wurde aus dem »St.-Agnes-Stift« das »Waisenhaus St. Agnes«. Weitere Umbaumaßnahmen ermöglichten die Aufnahme von 40 Dattelner Kindern.

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