Kapitel 4: Die neue Identität

Im vierten Kapitel verfolgen wir schrittweise die Entwicklung bis zum heutigen »junikum«. 1995 übernahm Thomas Kurth die Leitung des »Kinderheim St. Agnes«. Als Schwester Lucie den Staffelstab an ihren Nachfolger weitergab, stand erstmals in der langen Geschichte des Kinderheims keine Ordensschwester in der Hauptverantwortung. Thomas Kurth, der neue Mann an der Spitze, entwickelte mit seinem Team nach und nach eine völlig neue Identität…

Außenwohngruppe »Haus Sonneneck«


m Jahre 1991 war das »Haus Sonneneck« für die Außenwohngruppe des »Kinderheim St. Agnes« endlich voll bezugsfertig. Das Haus bot Lebensraum für sieben Kinder. Sie waren es auch, die auf dem Weg zur Selbständigkeit alle anfallenden Arbeiten erledigen sollten. Die Zimmer wurden mit Eifer und Hingabe nach und nach eingerichtet. Es bestand überhaupt kein Zweifel: Die Bewohner im »Haus Sonneneck« waren sympathisch-sonnige und vor allem eigenständige Menschen. Für Furore sorgten aber auch die neuen Gruppen »Sausewind« und »Regenbogenland«, die gemeinsam mit ihren Betreuern eine ganze Menge miteinander erlebten.

Erlösung für Schwester Generosa


er 2. April 1992 war ein sehr trauriger Tag in der Geschichte des »Kinderheim St. Agnes«, irgendwie aber auch ein »Tag der Erlösung«. Denn alle fragten sich nach dem Sinn für das lange Leiden von Schwester Generosa. „Es war zum Schluss wirklich ein schweres Stück Leben – aber es war Leben”, so Schwester Lucie. Ein Leben mit dichten Erfahrungen von Gottes Nähe, aber auch von Gottes Ferne. Alle waren den schweren Weg mit Schwester Generosa gegangen, die insgesamt 23 Jahre lang im »Kinderheim St. Agnes« wirkte und im Alter von 67 Jahren Erde und Himmel tauschte. „Sie hat uns zu einer Liebe herausgefordert, die uns stark gemacht hat”, so Schwester Lucie, die zwei Jahre später zum 31.12.1994 ihren Rücktritt als Heimleiterin bekannt geben sollte. 1992 feierte Pfarrer Ernst Föcking übrigens sein »Silbernes Priesterjubiläum«, welches mit einem großen Festessen im Kinderheim ausgiebig zelebriert wurde. Sogar Föckings Kapläne waren allesamt unter den 70 geladenen Gästen, um diesen großen Tag miterleben zu können.

Thomas Kurth sorgt für ein Novum


homas Kurth, seit nunmehr drei Jahren Mitarbeitender im »Kinderheim St. Agnes«, übernahm am 1. Januar 1995 die Leitung des Heims und trat damit die Nachfolge von Schwester Lucie an, die der Einrichtung insgesamt 12 Jahre vorstand und nun als Stellvertreterin Kurths ins zweite Glied rückte. Erstmals seit 87 Jahren standen die Vorsehungsschwestern somit nicht mehr in der Hauptverantwortung. Kurth betonte, die Tradition des Hauses in leitender Position unbedingt erhalten, gleichzeitig in der Jugendhilfe aber auch für eine zeitgemäße Entwicklung sorgen zu wollen.

Der neue Heimleiter fasste vor allem Dank seiner hohen Qualifikation, aber auch auf Grund seiner Kommunikationsfreude schnell Fuß. So titelte die »Westdeutsche Allgemeine Zeitung (WAZ)«: „Die Fachlichkeit von Herrn Kurth wirkt sich positiv auf die Heimarbeit aus. Der Wechsel vollzog sich nahtlos für die Jugendämter. Durch persönliche Vorstellung bei den einzelnen Jugendhilfebehörden suchte Herr Kurth intensive Gespräche, um die Bedarfslage in der Jugendhilfe zu erfahren und neue, zeitgemäße Konzepte zu entwickeln.”

Erste Gedanken zum Imagewechsel


as »Kinderheim St. Agnes« freute sich im Februar des Jahres 1996 über seine nunmehr fünfte Wohngruppe. Bei dieser Gruppe handelte es sich um eine »Tages- und Kinderwohngruppe«. Im Gegensatz zu den bereits bestehenden Gruppen sollten die Aufenthalte der Kinder nicht auf Langfristigkeit ausgelegt werden. Die Vorgabe lautete vielmehr, die Aufenthalte der Kinder »so kurz als möglich und so lange wie nötig« zu gestalten. Gleichzeitig hielten sich im Allgemeinen weiterhin die Vorurteile, im Kinderheim gäbe es »Gitter vor den Fenstern« und ausschließlich Waisenkinder. Kurth machte sich schon zu diesem frühen Zeitpunkt intensive Gedanken, »seinem« Heim ein anderes, positiveres Image zu verschaffen, was dringend notwendig schien.

Gott sei Dank nur eine Übung


auch in den Fluren sowie im Kellergeschoss – dazu eine gewaltige Explosion und eine großräumige Absperrung des Straßenverkehrs. Feuerwehrleute und Einsatzkräfte wohin das Auge sah. Ein Szenario wie dieses gehörte gut 50 Jahre zuvor fast zum Alltag, entpuppte sich am 6. November 1997 im Nachhinein allerdings – zur kollektiven Erleichterung aller Bewohner – als geplante Katastrophenübung der Feuerwehr. Alarmsirenen gab es an der Ludwigstraße vor einigen Jahrzehnten schließlich bereits zur Genüge. Der 6. November 1997 blieb allen Bewohnern des »Kinderheim St. Agnes« sowie der Diakonie lange in Erinnerung.

Ernst Föcking verabschiedet sich


ehr als ein Vierteljahrhundert diente er der Gemeinde St. Josef. Nach sechsundzwanzigeinhalb Jahren verabschiedete sich Pfarrer Ernst Föcking aus Oer-Erkenschwick Richtung Westerholt St. Martinus, um sich dort der Seelsorge zu widmen. „Pfarrer Föcking hat sich in dieser Zeit voll und ganz für seine Gemeinde, in besonderem Maße aber auch für unser Kinderheim eingesetzt”, zollte Heimleiter Thomas Kurth Respekt. Mit dem »Kinderheim St. Agnes« war Pfarrer Föcking so manch steinigen Weg gegangen. Hierbei säte er stets Hoffnung – in angenehmen wie in schweren Zeiten. Clemens Kreiss folgte Föcking im Amt.

Leistungsbeschreibung neu definiert


nter der Leitung von Thomas Kurth wurden 1999 weitere einschneidende strukturelle Veränderungen vorgenommen. So wurde zunächst einmal die so genannte »Leistungsbeschreibung« neu aufgesetzt und umfangreich reformiert. Darüber hinaus hielten Computer Einzug in die Verwaltung und in Seppenrade wurde zwecks Kinderbetreuung zusätzlich ein Haus angemietet. Auch in Oer-Erkenschwick wurde an der Ludwigstraße 21 eine weitere Wohnung angemietet, um die Tagesbetreuung weiter zu optimieren.

Kinder machen grausigen Fund


m Oktober 1999 wurde an der Ewaldstraße in Oer-Erkenschwick eine junge Frau tot aufgefunden. Spielende Kinder fanden die Leiche, bei der es sich – wie sich später herausstellte – um die 19-jährige Küchenhilfe des »Kinderheim St. Agnes« Lydia handelte. Erdrosselt und böse zugerichtet. Im Kinderheim herrschte bei allen von jetzt auf gleich regelrechte Fassungslosigkeit. Auch Heimleiter Thomas Kurth rang nach Worten und leistete mit seinem Team Trauerarbeit. „Für uns ist das, als hätte dieser Schicksalsschlag die eigene Familie getroffen”, so Kurth, der den traumatischen Gefährdungsgrad bei allen Kindern und Jugendlichen im Haus als sehr hoch einstufte. Das »Kinderheim St. Agnes« richtete zur weiteren Trauerverarbeitung zeitnah eine Trauerfeier für Lydia aus. Schockstarre noch immer bei allen Anwesenden. Und Fragen. Viele Fragen. »Wie konnte das nur geschehen?« – »Warum?« – »Wer tut so etwas Schreckliches?« – »Wie soll es jetzt weitergehen?«. Antworten gab es an diesem »Tag der Erinnerungen« keine. Dafür jede Menge Rosen vor dem Altar. Niedergelegt von den Kindern des Heims, deren Freundin Lydia der Einrichtung für immer in bester Erinnerung bleiben wird. Sieben Jahre bereicherte Lydia als Kind das Leben im »Haus Sonneneck«.

Tag der offenen Tür


ir schreiben das Jahr 2000. Das »Kinderheim St. Agnes« geht erneut an die Öffentlichkeit. Ein »Tag der offenen Tür« sollte die Bevölkerung einige Stunden am Heimleben teilnehmen lassen und weitere Vorurteile abbauen sowie die wichtigste aller Fragen beantworten: »Warum hat die Pfarrgemeinde St. Josef als Träger ein Kinderheim?« Die einfachste Antwort wäre zu sagen, »damit Kinder ein Zuhause haben«. Doch die Intention geht weiter, denn die Kirche hat schließlich einen sozialen Auftrag. Jeder Mensch ist nach Gottes Bild geschaffen, Geborgenheit und Liebe sind die Grundpfeiler des Glaubens.

Auch wenn mittlerweile Begriffe aus der Wirtschaft Einzug hielten im Alltag sowie in der Verwaltung des Kinderheims, wie »Controlling, Qualitätsmanagement, Leistungsbeschreibung oder Quartalsberichte«, so ist das »Kinderheim St. Agnes« gewiss nicht als Wirtschaftsbetrieb anzusehen. Das Leitbild der Kirchengemeinde ist gleichzeitig auch Inhalt der Arbeit im Kinderheim: „Was Ihr für einen meiner geringsten Brüder und Schwestern getan habt, das habt Ihr mir getan” (Mt. 25.40). Der »Tag der offenen Tür« lockte unter dem Motto »Kind sein dürfen« mit einem attraktiven Programm und kam in der Bevölkerung super an. Mittlerweile beschäftigt das »Kinderheim St. Agnes« 50 Mitarbeitende, darunter 26 im pädagogischen Dienst. Diese Mitarbeitenden kümmern sich in unterschiedlichen Betreuungsformen um 62 Kinder und Jugendlich. Im Jahr 2000 wurden auch das »Regenbogenland« (»junitSIRIUS«) in Seppenrade sowie der »Bienenkorb« in Oer-Erkenschwick eröffnet.

Das »Wir« steht über allem


eimleiter Thomas Kurth forcierte auch in den Folgejahren sein Bestreben, die Betreuung der Kinder durch zahlreiche Fortbildungsmaßnahmen für seine Mitarbeitenden weiter zu professionalisieren. Der Diplom-Heilpädagoge legte von Beginn an sehr viel Wert auf Teamgeist und Motivation. Entsprechende Erlebnisausflüge mit dem Team unterstützten ihn in diesem Vorhaben. Im selben Jahr explodierten die Zahlen der potentiellen Heimkinder um sage und schreibe 50 Prozent. Gaby Gonstalla, Sozialamtsleiterin in Oer-Erkenschwick, begründete diese Entwicklung mit der Aussage, die Jugendhilfen leisteten zu wenig in der Prävention.

Computer halten Einzug


ank einer sehr großzügigen Spende durch die Essener »Elisabeth-Wagener-Stiftung« über stolze 30.000 DM konnte das »Kinderheim St. Agnes« Computer anschaffen und den Kindern wenig später entsprechend auch den Zugang zum Internet ermöglichen. Das »World Wide Web« diente fortan für alle Beteiligten als zusätzliche Informationsquelle. Noch konnte kaum jemand ahnen, welch großartiger Siegeszug der Digitalisierung sowie dem zentralen Thema »Internet« einmal bevorstehen würde. Heute sind Computer und Internetvernetzung allgegenwärtig und nicht mehr wegzudenken. Weder in der Verwaltung, noch im privaten Umfeld.

Da waren es nur noch drei…


m »Kinderheim St. Agnes« waren mit Schwester Gerlinde, Schwester Lucie und Schwester Theodorlinde im Jahre 2003 noch drei »Schwestern der Göttlichen Vorsehung« aktiv, der Spitzenwert lag einst bei 18 Ordensschwestern. Schwester Lucie, die mittlerweile auch die stellvertretende Geschäftsführung an Christiane Jansen abgab: „Auch wenn sich vieles in den letzten Jahrzehnten verändert hat: eins ist geblieben: Wir haben uns damals um Kinder in Not gekümmert und tun dies auch heute noch. Mit Herz und Engagement.” Derweil präsentierten Heimleiter Thomas Kurth und Stellvertreterin Christiane Jansen die 82 Seiten starke Zeitung zum 90-jährigen Jubiläum des Hauses. Kurth weiß: „Die Ordensschwestern und unser Haus sind untrennbar miteinander verknüpft!” Prominentes Geleit gab es ein Jahr später übrigens für die jungen Kicker des Hauses, denn kein Geringerer als der ehemalige Schalker Fußballprofi Ingo Anderbrügge coachte im Jahre 2004 die so genannten »Agnes-Kicker« im Rahmen des Sommerfestes gegen ein Betreuerteam des Kinderheims zum Sieg. „Als Fußballprofi fühle ich mich geradezu verpflichtet, derartige Aktionen aktiv zu unterstützen”, so der gebürtige Dattelner. 2003 war auch ein sehr aktives Jahr, was die Gruppen- und Häuserstruktur des Kinderheims angeht. So zog das »Haus Sonneneck« (»junitGOYA«) von der Ludwigstr. 21 in die Pniewystr. 4 bis 10. Darüber hinaus kam es zum Einzug der »junitJUWO« (weiblich). Im Dezember des Jahres 2003 begann das Bauvorhaben an der Kirchstr. 64 in Oer-Erkenschwick. Die Fertigstellung war für das Frühjahr 2006 datiert.

Kinderheim wird zum Hauptbahnhof


eimleiter Thomas Kurth stieß 2005 mit seinem »Eisenbahnprojekt« eine weitere Initiative an, um für die Heimbewohner die Nachhaltigkeit ihrer Aufenthalte weiter zu unterstützen. Er bat die Bevölkerung offensiv um Sachspenden, um im Kinderheim etwas nie Dagewesenes entstehen zu lassen. Die Resonanz war riesengroß. Schnell stapelten sich sage und schreibe 25 Kisten randvoll mit Schienen, Zügen und Zubehör in der Verwaltung, so dass sich die Heimbewohner schon sehr bald der spannenden Aufgabe widmen konnten, eine eigene »Eisenbahnwelt« zu erschaffen. Kurths weitsichtiger Hintergedanke: „Die einzelnen 1 Meter mal 60 Zentimeter großen Plattenmodule, die jedes Kind mit der Zeit individuell bestücken konnte, sollten die Kinder beim Verlassen des Heims mitnehmen dürfen. Die Platte konnte so als Startelement für die eigene Anlage dienen!” Von dieser wunderbaren Idee zeigten sich alle begeistert. Das »Eisenbahnprojekt« wurde im Mai des Jahres im Rahmen eines großen »Sponsorenkaffees« vorgestellt. 2005 wurde in der Klein-Erkenschwicker Str. 17 in »OE« auch die Einheit »junitORBIT« eröffnet.

Verwaltung nun an der Schillerstraße


m März des Jahres 2006 zogen Leitung und Verwaltung des »Kinderheim St. Agnes« von der Ludwigstr. 6 zur Schillerstraße mit der Hausnummer 1. Parallel dazu bezogen auch die Schwestern ihr neues Domizil »An der Aue«. Gleich im Januar des darauffolgenden Jahres gab es zunächst keine wirklich guten Nachrichten: »Sturm Kyrill« verursachte massive Schäden an den Häusern und dem Außengelände an der Kirchstraße. Danach ging es aber für das Kinderheim perfekt durchstrukturiert und reibungslos durch das Jahr. Karneval, neue Kooperationen, Klausurtagungen, Mitarbeiterausflüge sowie zeitgemäß angebotene Events wie der »CoolTour-Wettbewerb« im Juni oder auch der »Adventure-Nachmittag« im November. Darüber hinaus verlor man aber auch die kontinuierliche Fortbildung der pädagogischen Fachkräfte nicht aus den Augen. Im Jahre 2006 zog die Gruppe »Sausewind« (»junitSCALA«) von der Ludwigstr. 6 in die Kirchstr. in Oer-Erkenschwick. Die »junitJUWO« (männlich) eröffnete ebenfalls an der Kirchstr. 64. Darüber hinaus zog die Tagesgruppe von der Ludwigstr. 6 in die Barbarastr. 5. Das Gebäude an der Ludwigstr. 6 wurde in diesem Zuge leer geräumt. Im November des Jahres wurde das Sondervermögen »Kinderheim St. Agnes« der katholischen Kirchengemeinde St. Josef rechtlich selbständig und trug fortan die Bezeichnung »Kinderheim St. Agnes gGmbH«, wobei das »g« die Gemeinnützigkeit dokumentiert. Die Geschäftsführung übernahm Thomas Kurth. Zum Abschluss des Jahres wurde auch das Bürohaus in Gladbeck auf dem Gelände des Eduard-Michelis-Hauses aufgelöst. Ein Jahr später wurde an der Schultenstr. 42 in Gladback seitens der gGmbH ein zweites Verwaltungsgebäude angemietet.

Übernahme in Gladbeck


er Orden der »Schwestern von der Göttlichen Vorsehung« als Träger der Jugendhilfe »Eduard Michelis Heim« mit Standort in Gladbeck, suchte einen geeigneten Träger für das Kinderheim. Mit 27 Plätzen konnte die Einrichtung nicht weitergeführt werden, zumal der Orden dort aus Altergründen keine Schwestern mehr einsetzen konnte. Die Ordensleitung trennte sich nur schwer von der ureigenen Tätigkeit und war bemüht, einen Träger zu finden, der die Arbeit im Sinne des Ordensstifters fortführt. Kontakte bestanden zur Einrichtung St. Agnes bereits durch die Ordensschwestern in Oer-Erkenschwick und diverse  Beratungsgespräche. Nach intensiven Gesprächen übernahm die »gemeinnützige GmbH St. Agnes« die drei Gruppender Gladbecker Einrichtung mit 27 stationären Plätzen. Da die Häuser auf dem Gelände des Altenwohnheimes »Eduard Michelis« , diestark renovierungsbedürftig waren, wurde nach einem geeigneten Grundstück für einen Neubau gesucht. Auf jeden Fall sollten die Kinder auch weiterhin in ihrer bisherigen Stadt wohnen dürfen. Als in unmittelbarer Nähe des bisherigen Standortes Bauland neu erschlossen wurde, konnte mit dem Bau von zwei Wohnhäusern an der Bottroper Str. begonnen werden. Inzwischen wurde in Gladbeck-Schultendorf ein ehemaliges Pfarrhaus für eine Zweigstelle angemietet.

Dezentralisierung weiter angesagt


ezentralisierung – so lautete das Zauberwort Anfang 2008 auch in Gladbeck. Vorbild war das »Kinderheim St. Agnes« in Oer-Erkenschwick, dessen Heimleiter Thomas Kurth die Wohnbereiche nach und nach dezentral hat entstehen lassen. In Gladbeck suchte man zu Jahresbeginn zunächst einmal ein bereits erschlossenes Grundstück, um das erfolgreiche Projekt der Stimbergstadt auch in Gladbeck zu etablieren. Die gemeinnützige GmbH aus Oer-Erkenschwick hatte mittlerweile die Trägerschaft für das Kinderheim in Gladbeck, welches zu diesem Zeitpunkt knapp über 100 Kindern eine Heimat bot, übernommen. Während die Tagesgruppe »Bienenkorb« 2008 die Pforten schloss, zog die zweite Generation der »Zugvögel« (»junitAMICA«) von der Kirchstr. 62 nach Datteln in die Klosterstr. 7a.

Leben im »Kosmos«


inen weiteren Schritt in die Zukunft setzte das »Kinderheim St. Agnes« im Jahr 2009 als es in Marl-Sinsen eine neue Intensivwohngruppe mit dem klangvollen Namen »Kosmos« eröffnete. Bis zu sieben Kinder konnten hier ab sofort pädagogisch-therapeutisch intensiv betreut werden. Zuvor wurden diese Kinder in der Regel in einer Klinik behandelt. Die Wohngruppe »Kosmos« sollte diesen Kindern den Weg zurück in die Familie oder in ein anderes Heim ebnen. Um die sieben Kinder kümmerten sich ebenso viele Betreuer. Das Erfolgskonzept? „Wohlwollend, aber klar strukturiert auftreten“, betonte Team-Coach Britta Kleine, die auch den Kontakt zu den Eltern der Kinder möglichst eng hielt. 2009 wurden die mobilen Pädagogischen Dienste (»MoPäD«) in Oer-Erkenschwick an der Barbarastr. 5 eröffnet. Ziel dieses Dienstes: Entlastung der Menschen in ihren Beziehungen und Beruhigung der Situation, Stärkung und Stabilisierung der Persönlichkeit von Kindern, Jugendlichen, jungen Volljährigen und deren Familien sowie Aktivierung, Erprobung und Einschätzung von Veränderungsressourcen und Selbsthilfepotentialen. Auf dem LWL-Gelände an der Halterner Str. 525 wurde fast zeitgleich in Marl die »junitKOSMOS« eröffnet, eine Intensivwohngruppe für Jungen und Mädchen.

Stein für Stein zum Ziel


orfreude ist bekanntlich die schönste Freude. Sowohl die Geschäftsleitung des »Kinderheim St. Agnes«, als auch die vielen jungen Bewohner des Kinderheims in Gladbeck, für welches »St. Agnes« die Trägerschaft übernahm, konnten es kaum erwarten, endlich die neuen Häuser zu beziehen. In den Sommerferien 2010 sollte es dann endlich soweit sein. Zuvor feierte man an der Bottroper Straße erst einmal ein Richtfest der Extraklasse. Bei tollem Wetter sah man alle künftigen Heimbewohner – ausgestattet mit gelben Kappen, roten T-Shirts und großen Arbeitshandschuhen – mitanpacken.

ach dem Richtfest hieß es noch ein wenig Warten. „Bis dahin überbrückten die Kinder die lange Wartezeit mit einem beeindruckenden Legomodell, welches den Baufortschritt detailliert dokumentierte”, lacht Thomas Kurth, der sich sehr freute, einen Ort geschaffen zu haben, wo „sich die Kinder mal fallen lassen können”. Eigene Zimmer, große Küchen, Notfallräume sowie ein großes Außen-Areal zum Spielen, Toben und Grillen. Ein großes Plus der neuen Häuser ist auch die Wohngegend nahe der City, die es allen Bewohnern ermöglicht, am Leben der Stadt aktiv teilzunehmen.

Endgültiger Imagewechsel


unikum« – an diesen neuen Namen muss man sich allseits ganz sicher erst einmal gewöhnen. 1913 als »Schwesternhaus St. Josef« gegründet, entwickelte sich die Einrichtung an der Ludwigstraße in Oer-Erkenschwick 1921 zum »St.-Agnes-Stift« ehe es 1926 in »Waisenhaus St. Agnes« umbenannt wurde. Die Bezeichnung des Hauses seit 1970: »Kinderheim St. Agnes«. Nun, im Jahre 2011 wurde nach einjähriger Entwicklungszeit unter der Führung von Geschäftsführer Thomas Kurth eine neue Identität geschaffen. Der Begriff »Kinderheim« wurde endgültig eingemottet. Vollständig heißt die Einrichtung nun »junikum – Gesellschaft für Jugendhilfe und Familien | St. Agnes«.

er einschneidende Imagewandel war laut Kurth längst überfällig. „Wir wollten unbedingt weg von diesem »Arme-Kinder- und Problemkinder- Image«! Der Begriff »Kinderheim« löste doch im Allgemeinen eine gewisse Angst aus – bei Kindern und Eltern gleichermaßen. Diese Angst macht uns die Arbeit im Haus und in der mobilen Betreuung in den Familien nicht einfacher.” Der neu geschaffene Name steht für Jugendliche, für ein Unikum – das Einzigartige. Jedes Kind im »junikum« hat seine individuelle Geschichte sowie seine individuellen Probleme und benötigt daher auch einen individuellen Umgang. Der Begriff »junikum« soll die Wertigkeit der im Haus geleisteten Arbeit widerspiegeln. „Wir sind ja keine Kinderverwahranstalt! Bei uns wird im Umgang mit den unterzubringenden Kindern und Jugendlichen wissenschaftlich gearbeitet um Ungleichgewichte in der Gesellschaft und im sozialen Familienleben auszugleichen“, betont Visonär Kurth. Die einzelnen Gruppen bekamen neue Namen. So wurde beispielsweise aus den »Sonnenblumen« die »junitSOL« und die Gruppe »Regenbogen« heißt nun »junitMIKA«. An der Namensgestaltung für die Gruppen haben die Kinder maßgeblich mitgewirkt. Interessant auch das neue Farbleitsystem: jeder Region wurde eine eigenständige Farbe zugewiesen.

Würfel mit viel Symbolik


eben der neuen Namensbezeichnung »junikum« wurde auch ein aussagekräftiges Logo entwickelt. Es zeigt neben dem Schriftzug einen drehbaren Würfel, der Symbol sein soll für stetige Veränderung und Flexibilität. Auch soll er ausdrücken, was 1913 begann. Das heutige »junikum« soll umfangreiche Hilfestellung leisten. Hilfe für Kinder, Jugendliche und deren Eltern. Thomas Kurth: „Richtig spannend wird es aber erst, wenn die Menschen auf der Suche nach einer Antwort die Ebenen des Würfels drehen und so die Fragestellung in immer wieder neuen Konstellationen betrachtet werden kann.

Erfolgreiches Auslandsprojekt


en Alltag gestalten lernen« – unter diesem Motto stehen die individualpädagogischen Auslandsmaßnahmen des »junikum« – kurz: »IPM«. Dieses international ausgelegte Projekt ist in Polen stationiert und richtet sich an Menschen, die auf Grund vielfältiger Problemlagen im Rahmen stationärer Jugendhilfe in Deutschland pädagogisch nicht mehr erreichbar scheinen. Das »junikum« möchte diesen Jugendlichen die Möglichkeit geben, sich aus der empfundenen Fremdbestimmung und Ohnmacht zu lösen. „Für den Jugendlichen ist besonders wichtig, die zu bewältigenden Aufgaben und die sozialen Interaktionen überschauen zu können. Dies berücksichtigen wir bei der Auswahl und Ausgestaltung der Maßnahmen in Polen“, so Initiator Martin Petrat, der »IPM« am 1. Oktober 2011 geründet hatte und am 1. Februar des darauffolgenden Jahres das erste Kind aufgenommen konnte. „Die Jugendlichen leben im Rahmen der »IPM« in der Familie unserer Mitarbeitenden. Sie ordnen sich in das Familienleben ein und gestalten den Alltag miteinander. Die Fremdheit der Umgebung, Kultur und Sprache fordert vom Jugendlichen sich neu zu orientieren. Durch die erforderliche intensive Beziehungsgestaltung sind alternative Handlungsmuster möglich“, betont »junikum«-Geschäftsführer Thomas Kurth, der darauf achtet, dass die Qualitätsstandards dieses Angebots nicht nur eingehalten werden, sondern auch extrem hoch bleiben.

JuMeGa als Zusatzangebot


ls zusätzliches stationäres Angebot etablierte das »junikum« im Juli 2014 das Projekt »Junge Menschen in Gastfamilien« – kurz: »JuMeGa«. Freundliche Gastgeber öffnen Jugendlichen in besonderen Lebenssituationen die Türen und geben ihnen ein Zuhause auf Zeit. Die Gastfamilien sind hierbei keinesfalls auf sich allein gestellt. Ein kompetentes Netzwerk vom Ostvest bis zum südlichen Münsterland unterstützt und führt diese Initiative. Geschäftsführer Thomas Kurth: „Die Wirksamkeit des Angebots liegt in der Verbindung der Alltagskompetenz der Gastfamilien mit der professionellen Kompetenz des Fachdienstes über die gesamte Laufzeit der Maßnahme. Dazu zählen zum Beispiel auch ein intensiver Beratungsschlüssel mit maximal acht Jugendlichen pro Berater, eine 24-Stunden-Erreichbarkeit für die Gasteltern und eine qualifizierte Begleitung der Fachberater.”

Sommerfest ein Mega-Erfolg


er Beginn der Sommerferien wird im »junikum« traditionell mit dem Sommerfest in Oer-Erkenschwick gefeiert. Auch 2015 hatten wieder viele Kinder, Jugendliche und Familien die Einladung angenommen und die Veranstaltung zu einem echten Highlight werden lassen. Auf der großen Wiese an der Kirchstraße gab es allerlei Angebote für Groß und Klein: Eine Riesen-Torwand forderte die Ballkünste der Besucher heraus, beim Kinderschminken wurden fantastische Masken auf die Gesichter gezaubert, es konnten Schlüsselanhänger gebastelt und Freundschaftssteine gestaltet werden.

atürlich durften auch die kulinarischen Genüsse nicht fehlen. Die Kolleginnen der Hauswirtschaft verwöhnten die Besucher mit Kaffee und leckerem Kuchen, herzhaften Würstchen vom Grill, kühlen Getränken und frischem Obst. Auch ein leckerer Cocktail wurde den Gästen serviert. Bei strahlendem Sonnenschein und guter Laune wurde gespielt und gelacht. Auch viele ehemalige Bewohner haben den Weg zur Kirchstraße gefunden und trafen am »Meeting-Point« des Jugendwohnens auf »alte Bekannte«. Zwei Herausforderungen der besonderen Art waren zum ersten Mal auf dem Sommerfest zu bestaunen, denn ein großer Hindernisparcours zog die Kinder in seinen Bann und beim Kistenklettern konnten die Jugendlichen und Erwachsenen ihren Mut in sieben Metern Höhe unter Beweis stellen.

Medialer Meilenstein


ach monatelanger Planungs- und Programmierarbeit war es im Januar 2017 endlich soweit: Thomas Kurth präsentierte voller Stolz die neue Internetpräsenz des »junikum«. Die mit diesem Projekt beauftragte Medienagentur Kellermann aus Waltrop zeigte sich nach Beendigung der Arbeiten voller Demut und begeistert von der „ungeheuren Motivation der »junikum«-Mitarbeitenden und betonte dass es eine Freude sei, zu beobachten, mit welcher Begeisterung in jeder Abteilung gearbeitet wird, um Kindern und Jugendlichen ein besseres Leben zu ermöglichen und Perspektiven zu schaffen. Die neuen Webseiten wurden im Zuge des Relaunch` selbstverständlich »responsive« gestaltet – in der Darstellung also auch für alle mobilen Endgeräte optimiert.

Lust auf mehr…?

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