Kapitel 2

Die Kriegs­jah­re

1914 bis 1918: ers­ter Welt­krieg in Euro­pa. 1939 bis 1945: zwei­ter Welt­krieg, mit ver­hee­ren­den Aus­wir­kun­gen für die Regi­on. Das »Wai­sen­haus St. Agnes« war in die­sen beson­ders schwe­ren Zei­ten nicht nur für Erken­schwick, son­dern auch für die Ort­schaf­ten Oer und Rapen ein ech­tes Zei­chen der Hoff­nung. Vor allem durch den Berg­bau schnell­te die Zahl der Ein­woh­ner in den ein­zel­nen Ort­schaf­ten in die Höhe, mit ihnen aber auch die Zahl der Hilfs­be­dürf­ti­gen, was sich als abso­lu­te Her­aus­for­de­rung her­aus­stel­len soll­te, die es erst ein­mal zu meis­tern galt…

 

100 Jah­re Ordensgemeinschaft


ir schrei­ben das Jahr 1942. Die Arbeit im Berg­bau war unge­mein hart und es herrsch­te all­ge­gen­wär­tig gro­ße Armut. Das »Wai­sen­haus St. Agnes« war vor allem in den schwe­ren Kriegs­jah­ren ein wohl­tu­en­der Licht­blick. Ein Ort christ­lich geleb­ter Mensch­lich­keit. Ins­be­son­de­re die »Schwes­tern von der Gött­li­chen Vor­se­hung« haben dem Haus an der Kirch­stra­ße ein unver­wech­sel­ba­res Gesicht gege­ben. Kein Gerin­ge­rer als der bekann­te Schwei­zer Schrift­stel­ler und Pfar­rer Kurt Mar­ti (1921–2017) ver­kün­de­te einst, »dass Gott ein Tätig­keits­wort wer­de«. Die­se Wor­te wur­den im »Schwes­tern­haus« Pro­gramm und wer­den bis zum heu­ti­gen Tag gelebt. 1942 fei­er­te man den 100. Jah­res­tag der Ordens­ge­mein­schaft. Ein Tag des Gebets. Vor allem ange­sichts der durch den Krieg ver­ur­sach­ten Nöte und der damit ein­her­ge­hen­den zahl­rei­chen Opfer.

 

Hef­ti­ge Luftangriffe


as »Schwes­tern­haus« küm­mer­te sich über die eigent­li­chen Belan­ge hin­aus zeit­wei­se auch um den »Sicher­heits- und Hilfs­dienst«, kurz: »SHD«. So waren bis zu 200 »SHD«-Männer täg­lich zu ver­kös­ti­gen. Da hier­für per­so­nell nur gering­fü­gig auf­ge­rüs­tet wur­de, war von allen Betei­lig­ten ein noch höhe­rer Ein­satz nötig, als ohne­hin schon. Pfar­rer Theo­dor Alt-Epping, der 1925 Franz Roters ablös­te, wur­de laut Auf­zeich­nun­gen der Gemein­de im Jahr 1944 unter Andro­hung eines KZ-Auf­ent­halts mehr­fach von der »Gesta­po« vor­ge­la­den. Die »Gehei­me Staats­po­li­zei« war ein kri­mi­nal­po­li­zei­li­cher Behör­den­ap­pa­rat und reprä­sen­tier­te in der Zeit von 1933 bis 1945 die poli­ti­sche Poli­zei wäh­rend der Zeit des Natio­nal­so­zia­lis­mus. Den­noch hielt sich Alt-Epping bis 1951 im Amt.

n den ers­ten Jah­ren des zwei­ten Welt­kriegs muss­te man an der Lud­wig­stra­ße ledig­lich klei­ne­re Bom­ben­schä­den hin­neh­men. Am 15. Janu­ar 1945 aber erwisch­te es auch das »Schwes­tern­haus« mit vol­ler Breit­sei­te. Zwei Drit­tel des Hau­ses wur­den beschä­digt, teils zer­stört. Vie­le Schwes­tern und Kin­der muss­ten kur­zer­hand eva­ku­iert wer­den. Gön­ner und Freun­de des Hau­ses hal­fen auf dem kur­zen Dienst­weg beim Wie­der­auf­bau so dass alle frü­he­ren Tätig­kei­ten im Haus recht bald in vol­lem Umfang wie­der auf­ge­nom­men wer­den konn­ten. In den Jah­ren 1944 und 1945 pen­del­te man per­ma­nent zwi­schen Haus und Bun­ker, bau­te und reno­vier­te uner­müd­lich nach jedem der zahl­rei­chen Luft­an­grif­fe wie­der aufs Neue. Noch dazu waren in die­ser Zeit wei­te­re Auf­nah­men von Schwes­tern und Kin­dern aus dem »Anna-Stift« in Goch zu meis­tern. Doch auch die­se Her­aus­for­de­rung stemm­te man mit bewun­derns­wer­ter Beharr­lich­keit — vor allem Dank der Bereit­schaft auf wei­te­ren Ver­zicht – schließ­lich stand man in Goch im Fal­le einer Eva­ku­ie­rung des dor­ti­gen Stifts im Wort.

 

Glück im Unglück


xem­pla­risch für die unfass­bar schreck­li­chen Ereig­nis­se in der Kriegs­zeit ist sicher­lich die höchst emo­tio­na­le Geschich­te eines blü­hen­den zwölf­jäh­ri­gen Wai­sen­mäd­chens, wel­ches am 5. Janu­ar 1945 erkrank­te und nur weni­ge Tage spä­ter am 11. Janu­ar ver­starb. Just nach­dem man das Mäd­chen auf das Schöns­te auf­ge­bahrt hat­te, um ihr die letz­te Ehre zu erwei­sen, gab es ein­mal mehr den gefürch­te­ten »Voll­alarm«. Schwes­tern und Kin­der schaff­ten es gera­de ein­mal bis in den Kel­ler, da fie­len bereits die ers­ten Bom­ben. Erst spä­ter wag­te man sich in einer klei­nen Feu­er­pau­se geschlos­sen Rich­tung Bun­ker. Auf dem Weg dort­hin kreuz­te man den Leich­nam des ver­stor­be­nen Wai­sen­mäd­chens, unter­des­sen bedeckt von jeder Men­ge Mör­tel und Split­tern, noch dazu ein­seh­bar von der Stra­ße, denn die Bom­ben hat­ten dem Haus an der Front­sei­te schwer zuge­setzt. Bil­der, die alle Betei­lig­ten nie­mals ver­ges­sen soll­ten. Den­noch durf­te man sich an der Kirch­stra­ße mehr als glück­lich schät­zen, denn eine Gra­na­te blieb in der Ost­wand des Hau­ses ste­cken, deto­nier­te jedoch nicht. Die­ses unfass­ba­re »Glück im Unglück« bewahr­te vie­le Schwes­tern und Kin­der vor dem siche­ren Tod.

 

Hel­den­haf­te Ordensschwester


icht nur die Geschich­te um das klei­ne Mäd­chen bleibt wohl für immer in Erin­ne­rung, auch die sich in der Nach­kriegs­zeit häu­fen­den Dieb­stäh­le und Plün­de­run­gen. Hier­vor ver­such­te sich auch das »Schwes­tern­haus« zu schüt­zen. Ein 24-Stun­den-Wach­dienst, den die Schwes­tern höchst per­sön­lich scho­ben, soll­te für Sicher­heit sor­gen. Die für alle Haus­be­woh­ner über­le­bens­wich­ti­ge »Kuh Ella«, die sich im Kel­ler des Hau­ses befand, war eines Tages das erklär­te Ziel der Die­be, was die wach­ha­ben­de Ordens­schwes­ter jedoch ver­hin­dern konn­te. Mit lau­tem Koch­de­ckel­ge­klap­per wuss­te sie hel­den­haft »Groß­alarm« zu schla­gen und die Die­be in die Flucht zu trei­ben. Es lie­gen unfass­bar vie­le Auf­zeich­nun­gen, Noti­zen und Berich­te aus die­ser furcht­bar schreck­li­chen Zeit des Krie­ges und der Nöte vor. Genü­gend Mate­ri­al für einen span­nen­den Mehrteiler.

 

Wech­sel­bä­der der Gefühle


er Ein­marsch der Ame­ri­ka­ner am 11. April 1945 hat­te zu Fol­ge, dass alle Schwes­tern und Kin­der das Haus ver­las­sen muss­ten. Haus und Bun­ker wur­den von den Ame­ri­ka­nern in Beschlag genom­men und als Unter­kunft her­ge­rich­tet. Zahl­rei­che Pri­vat­woh­nun­gen traf das­sel­be Schick­sal. Schwes­tern und Kin­der fan­den in Säug­lings- und Alten­hei­men sowie auf Bau­ern­hö­fen kurz­fris­tig eine neue Hei­mat, bis ihr Haus in Oer-Erken­schwick wenig spä­ter neu auf­ge­baut und reno­viert wur­de. Ein Licht­blick. Gleich­wohl war es in den kom­men­den Jah­ren irgend­wie ein ste­tes Wech­sel­bad der Gefüh­le und Gescheh­nis­se. Auf­bau, Reno­vie­rung, Brand­stif­tung, Wie­der­auf­bau – zahl­rei­che Ereig­nis­se gaben sich die Klin­ke in die Hand. Es dau­er­te eine gan­ze Wei­le – genau­er gesagt bis zum Ende der »50er-Jah­re« bis es dau­er­haft posi­ti­ve Schlag­zei­len zu ver­mel­den gab.

 

Ein­zug der Technik


eizen mit Koh­le wur­de durch den Ein­bau eines neu­en Elek­tro­ofens end­gül­tig zur Geschich­te, zusätz­lich wur­den neue Bade­wan­nen und Duschen instal­liert und zahl­rei­che wei­te­re tech­ni­sche Ent­wick­lun­gen sorg­ten im »Wai­sen­haus St. Agnes« bei der Ver­rich­tung der täg­li­chen Arbeit für enor­me Erleich­te­rung. Hier­zu zäh­len ins­be­son­de­re die elek­tri­sche Näh­ma­schi­ne für die Hand­ar­beits­schu­le, ein Auto für die Kran­ken­schwes­ter, die bis dato die zu pfle­gen­den kran­ken Men­schen zu Fuß oder mit dem Fahr­rad errei­chen muss­te und auch ein Wäsche­trock­ner sorg­te für Ent­las­tung. Trotz aller Anstren­gun­gen war es den Schwes­tern immer noch mög­lich, neue Fel­der zu bestel­len. Neben dem »Wai­sen­haus« sowie der »Hand­ar­beits- und Koch­schu­le« kon­nek­tier­te man auch den »Kin­der­gar­ten« der Pfarr­ge­mein­de sowie die »Hos­ti­zi­en­bä­cke­rei« für das Deka­nat Dat­teln ans Haus.

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