Kapitel 3: Der Neunanfang

Die harten Kriegsjahre zogen vorbei, es kam die »Zeit der Bewährung und des Wiederaufbaus«. Nicht nur für das »Kinderheim St. Agnes« ein Neuanfang auf allen Ebenen. »Aufbauen – renovieren – modernisieren«, so lautete das allgegenwärtige Motto. »Selbstlosigkeit, Hilfsbereitschaft sowie ein unerschütterliches Gemeinschaftsgefühl« – die ureigenen Tugenden des »Schwesternhauses« halfen dabei, auch in dieser Phase jede herausfordernde Hürde zu meistern…

Schutzengel trotzt dem »Feuerteufel«


as Jahr 1957 begann »heiß«. Ein hinterhältiger »Feuerteufel« legte an nicht weniger als vier Stellen in den Schränken des Kindergartens ein Feuer und entzündete so die gesamten Räume, die schon nach kurzer Zeit lichterloh in Flammen standen. Die Schwestern hatten den nächtlichen Brand Gott sei Dank recht rasch bemerkt und konnten dank gemeinsamer Anstrengung ein weiteres Ausbreiten der Flammen bis zum Eintreffen der Feuerwehr verhindern. Es entstand ein Sachschaden von gut 10.000 Mark. Der »Schutzengel« oberhalb der entzündeten Schränke hatte einen eben solchen und blieb unbeschädigt. Drei Monate später konnten die entsprechenden Räume wieder freigegeben werden.

Abschied von »Kuh Honny«


wei Jahre später hieß es wieder einmal Abschied nehmen – und zwar von der treuen »Honny«, der als letzte Kuh in der langen Geschichte des »Kinderheim St. Agnes« ein eigenes Kapitel zuteil wurde. »Honny« war aus eigenen Erzeugnissen schlichtweg nicht mehr zu ernähren und so traf man den Entschluss, sich von dieser lieb gewonnenen und lange Zeit existentiell wichtigen Tradition endgültig zu verabschieden. Fettgefüttert musste »Honny« 1959 ihr Leben lassen, nicht allerdings, bevor sie dem »Schwesternhaus« noch zwei kleine Kälbchen schenkte. Aus der lang gepflegten Kuhweide wurde schließlich ein Spiel- und Turnplatz, der sich größter Beliebtheit erfreute und fortan stets stark frequentiert wurde.

Gott erlöst Schwester Edentia


icht weniger als 38 Jahre prägte Schwester Edentia das »St.-Agnes-Stift«. Nach monatelanger Krankheit erlöste sie der liebe Gott am 28. Januar 1961 von ihrem Krebsleiden und holte sie zu sich. Schwester Edentia hatte die Erfolgsgeschichte des Stifts maßgeblich mitgeschrieben und blieb deshalb allen Beteiligten sowie dem gesamten Ort auf ewig in positiver Erinnerung. Die Handarbeitsschwester half der Institution durch ihr selbstloses und hilfsbereites Handeln so manches Schicksal zu überwinden. Schwester Bonifortis versuchte fortan, in die großen Fußstapfen von Schwester Edentia zu treten. Kein einfaches Unterfangen.

Keine Rose ohne Dornen


rei nach dem Motto »Keine Rose ohne Dornen« brachten die folgenden Jahre viel Fortschritt und Freud, immer wieder aber auch Leid. So erkrankten im Jahr 1963 der Reihe nach zahlreiche Schwestern – teils sogar schwer. Immer wieder mussten personelle Engpässe hingenommen und Lücken gestopft werden. Teamgeist, Selbstlosigkeit und Bescheidenheit machten es möglich, dass auch diese Hürden stets genommen werden konnten. Was in den Jahren 1962 und 1963 allerdings nicht mehr befriedigt werden konnte, war der Bedarf an Heimplätzen. Das Haus platzte derweil aus allen Nähten und es wurde intensiv über einen Neubau nachgedacht. Um keine Kinder mehr abweisen zu müssen, wurde fleißig geplant und kalkuliert. Das hehre Ziel: zwei Bauabschnitte sollten die Jahre 1965 und 1966 prägen – Kostenpunkt: 1,7 Millionen Deutsche Mark. Doch zunächst einmal war und blieb der Wunsch »Vater aller Gedanken«. Bis zum 10. Oktober 1966 sollte es dauern bis der geplante Neubau endgültig genehmigt wurde. Mittlerweile war der Etat auf stattliche 2,2 Millionen Deutsche Mark angewachsen.

Weinende und lachende Augen


it weinenden und lachenden Augen beobachteten Schwestern und Kinder zu Ostern des Jahres 1967, wie ein mächtiger Bagger die blühenden Obstbäume im Garten des Stifts gnadenlos entfernte. Dies war jedoch erforderlich, um die Träume von einem neuen Heim für knapp 100 Kinder Wirklichkeit werden zu lassen. Obstbäume und Gemüsebeete sollten also einer mächtigen Baugrube weichen. Die Tränen über den Verlust der Bäume waren spätestens bei der Grundsteinlegung des neuen Hauses am 14. Juli 1967 getrocknet.

Großen Anteil an der Durchsetzung aller Pläne hatte Heinrich Fritz Netta, geboren im Jahre 1928 in Oer-Erkenschwick – jener Stadt der er in den Jahren 1963 bis 1987 als »erster Bürger« vorstand. Der zweifache Familienvater Netta war es auch, der die bis heute erhaltene Tradition ins Leben rief als Bürgermeister die Mädchen und Jungen des Stifts zu Weihnachten zu besuchen und mit kleinen, aber sehr persönlichen Geschenken zu beglücken. Um das umfangreiche Bauprojekt zu realisieren, »übersprang« Netta mit seinen Kollegen so manchen Paragraphen. Am 1. März 1968 konnte das Richtfest gefeiert werden. Fertigstellung des neuen und Teilabriss des alten Gebäudes gaben sich im März 1969 praktisch die Klinke in die Hand. Im selben Jahr feierte Schwester Bonifortis – die »Gute Starke« – ihr 50-jähriges Mitwirken in der »Ordensgemeinschaft von der Göttlichen Vorsehung«.

Einweihung des neuen Hauses


ie »70er-Jahre« begannen mit der offiziellen Einweihung des neuen Hauses. Die Zeremonie wurde unter großer Anteilnahme der Bevölkerung vorgenommen. Die Solidarität zwischen den Schwestern und der Bevölkerung Oer-Erkenschwicks wurde nicht zuletzt im Rahmen des Umzugs einmal mehr deutlich. Die letzten Teile des alten St.-Agnes-Stift wurden übrigens erst sieben Jahre später abgerissen. Bis dahin nutzten diverse Gruppen und Vereine der Pfarrgemeinde die übrig gebliebenen Räumlichkeiten.

Bürgermeister Netta betonte bei der Einweihung, dass man beim Betrachten des neuen modernen Gebäudes stets auch das Wirken innerhalb der »vier Wände« im Blick haben solle. Dann – und nur dann – sähe man sehr viel mehr, als einfach nur ein neues Gebäude.

Schwester Lucies Metapher


chwester Lucie beschreibt die stetigen Umstrukturierungen und die unaufhaltsame Weiterentwicklung der Einrichtung heute metaphorisch perfekt: „Das Leben im St. Agnes gleicht im Grunde genommen seit jeher einem regelmäßigen Tapetenwechsel. In den vergangenen Jahrzehnten musste stets kräftig aufgeräumt und renoviert werden”,  so die engagierte Schwester, die noch heute täglich im Dienste der Einrichtung steht. In der Tat wurden alte Tapeten immer wieder abgerissen und durch neue ersetzt. Tapeten mit neuer Struktur und neuem Muster wurden auf die bestehenden Wände gekleistert. Tapeten, die nicht immer wirklich geschmackvoll, geschweige denn hochmodern waren – und auch farblich nicht immer unbedingt den Nerv der Zeit trafen. Auch war es nicht immer leicht, den neuen Tapeten festen Halt zu geben, „aber geklappt hat es dank des großen Einsatzes aller Beteiligten irgendwie immer.” Dieses Procedere könne man ganz konkret 1:1 auf die Arbeit in der Einrichtung übertragen, betont Schwester Lucie, die den Sendungsauftrag vor Ort in dieser Form im übertragenen Sinne exakt umreißt. Schwester Lucie leitete das Haus in der Zeit von 1982 bis 1994 selbst und prägte somit die über 100-jährige Geschichte mehr als entscheidend mit.

Alle Kraft den Kindern geschenkt


err, hier bin ich, Du hast mich gerufen! – am 19. August 1971 holte der liebe Gott die am 16. März 1893 in Borken geborene Schwester Wicburgis, die 42 Jahre als Leiterin des Kindergartens in Klein-Erkenschwick tätig war, heim. Sie starb wohlvorbereitet und ergeben in Gottes heiligem Willen. Unmittelbar bis zu ihrer Heimkehr hat Schwester Wicburgis ihre gesamte Kraft barmherzig den Kindern geschenkt. Ihr Herz war stets für alle Menschen geöffnet. Sie war allseits beliebt und ob ihres frohen Gemüts und urwüchsigen Humors bekannt. Schwester Wicburgis teilte Leben und Glauben und lebte die Gastfreundschaft.

Gelbsucht sorgt für Quarantäne


rei Jahre mussten die Kinder des neuen Hauses auf diesen Moment warten, im Jahre 1971 war es dann endlich soweit, der neue Spielplatz wurde feierlich eröffnet und bot für die jungen Bewohner fast alles, was das Kinderherz begehrt. Sandkasten, Planschbecken, diverse Turngeräte – ja sogar eine Rollschuhbahn wurden für den sofortigen Betrieb freigegeben und fortan fleißig genutzt. Ein Jahr später allerdings wich die Freude am Spielparadies für einige Wochen. Was war für die Kinder im Jahr 1972 nicht alles geplant: gut vorbereitete Fahrten, Jugendherbergsbesuche und vieles mehr.

Dass aus alledem nichts wurde, lag daran, dass eines der Kinder unmittelbar vor den Ferien an Gelbsucht erkrankte. Die Lage spitzte sich derart zu, dass alle Beteiligten sogar in Quarantäne kamen. Die Schwestern schafften es allerdings, die Enttäuschung bei den Kindern durch ein »hausinternes Alternativprogramm« in Grenzen zu halten. Theaterspiele, Tänze und sogar eine selbst initiierte Kirmes sorgten trotz der widrigen Umstände allseits für Zufriedenheit.

Großzügige Spendenbereitschaft


wischen 1972 und 1976 war die Zeit geprägt von einer unglaublich hohen Hilfsbereitschaft seitens der Bevölkerung. Das »Kinderheim St. Agnes« freute sich über zahlreiche Spenden. Geschäftsleute, Kegelclubs und Privatpersonen zeigten sich in dieser Zeit sehr großzügig und stellten Spielzeug, Geld, Haushaltsgeräte, einen Fernseher und vieles mehr zur Verfügung. Unterstützung, die das Kinderheim im Zuge des Wiederaufbaus mehr als gut gebrauchen konnte. Neue Richtlinien im Bereich der Kinder- und Jugendheime zwangen das neue Haus dazu die Kapazität von 96 Kinder auf 72 herunter zu schrauben. Diese Kinder wurden fortan in sechs »familienähnliche Gruppen« umstrukturiert.

Das neue Haus hatte vieles, ja fast alles zu bieten, was man sich wünschen konnte, nur gab es weder einen Raum für größere Feierlichkeiten, noch ein Gymnastikareal. Pfarrer Ernst Föcking erklärte dies zu Beginn seiner Amtszeit (1973 bis 1999) zur Chefsache und errichtete im Innenhof eine Gymnastikfläche die 1982 fertig gestellt und fortan sehr fleißig genutzt wurde. Der durch Pfarrer Föcking organisierte Minibagger sorgte in der Bauphase bei »Groß und Klein« für kollektives Staunen.

Vom Waisenhaus zur Gruppenwohnung


eit muss man nicht zurück denken, da reihte sich im großen Schlafsaal des Kinderheims ein Bett an das nächste. Nach dem allmorgendlichen Appell ging es früher geschlossen in den großen Speisesaal. »Massenabfertigung« würde man dies heute wohl nennen. All dies gehört an der Ludwigstraße in Oer-Erkenschwick mittlerweile der Vergangenheit an. War die Betreuung der früher meist verwaisten Kinder bislang den fleißigen »Schwestern der Göttlichen Vorsehung« vorbehalten, kümmern sich heute überwiegend pädagogisch ausgebildete Fachkräfte um ihre Gruppen. Schwester Lucie erinnert sich: „Mit den Jahren wurde immer mehr Wert auf Qualifizierung und fachliche Ausrichtung des Personals gelegt. Dies war die Grundlage des heutigen Erfolgs.“

Schwester Siegfriedes hat dies maßgeblich vorangetrieben und dafür gesorgt, dass die Einstellung von Personal von einer guten pädagogischen Ausbildung begleitet wurde. Sie ermöglichte eine fachlich kompetente Erzieher-Ausbildung. Heute leben die zu betreuenden Kinder in familienähnlichen Gruppen zusammen. Vorrangige Bestandteile des Heimlebens sind das »Zusammensein«, das »Einander-Anerkennen« sowie das »Tolerieren« und »Akzeptieren-Lernen«. Die Gruppenstärke wurde im Zuge der offiziellen Einweihung übrigens von 16 auf 12 Kinder reduziert. Da in den folgenden Jahren die Qualifizierung immer weiter vorangetrieben wurde, wurde jede einzelne Gruppe darüber hinaus nochmals um jeweils drei Kinder auf eine Gruppenstärke von Neun verkleinert.

Heinz Netta feiert 20-Jähriges


in Mann, der die positive Entwicklung des »Kinderheim St. Agnes« maßgeblich mitgestaltete, war Heinz Netta, Minister des Landstags und Bürgermeister der Stadt Oer-Erkenschwick. Netta feierte im Jahre 1983 sein 20-jähriges Dienstjubiläum als »erster Bürger« der Stadt und bedankte sich in einem emotionalen Brief persönlich beim Kinderheim für die einstudierte Tanzeinlage der Kinder im Rahmen der Feierlichkeit. Er wertete dies – so Netta wörtlich – „als Zeichen der Verbundenheit”. Nettas Frau konnte und wollte zahlreiche Tränen der Freude während der Tanzeinlage nicht zurückhalten. Heinz Netta sollte nach seinem »20-Jährigen« noch vier weitere Jahre im Bürgermeisteramt bleiben.

Föcking spricht von »Schwierigkeiten«


ährend man im »Kinderheim St. Agnes« in der Vergangenheit nach Lösungen suchte genügend Plätze für verwaiste oder betreuungsbedürftige Kinder zu schaffen, sah man sich im Jahre 1984 einer ganz anderen Problematik ausgesetzt. Die Frage, die sich Pfarrer Ernst Föcking in der Gemeinde St. Josef stellte, lautete vielmehr „Wie können wir unsere derzeitige Zahl von 44 Plätzen halten?” Von einer Schließung des gesamten Kinderheims war in anonymen Informationen an die »Stimberger Zeitung« gar die Rede. Doch Pfarrer Föcking stellte schnell klar dass als Gegenmaßnahme maximal eine der vier Gruppen geschlossen würde, niemals aber das gesamte Kinderheim.

„Wir dürfen auf keinen Fall zulassen, dass die Kinder, die aktuell von uns betreut werden, aber auch die so genannten »Ehemaligen«, die immer wieder auf Besuch vorbeischauen, ihre Heimat verlieren”, so der kämpferische Pfarrer weiter. So genannte »Pflegefamilien«, die nur einen Bruchteil jener Kosten erzeugen, die eine Unterbringung in einem Kinderheim verursacht, sind in dieser Zeit eine extreme Konkurrenz für jedes Heim.

Platz für Menschen mit Handicap


n den kommenden zwei Jahren wurde das Haus weiter umstrukturiert. Man reagierte so auf den merklichen Belegungsrückgang und begann damit, leerstehende Räumlichkeiten anderweitig sinnvoll zu nutzen. Man verhandelte mit der Diakonie und bis 1986 zogen nicht weniger als 36 Menschen mit Behinderung an die Ludwigstraße. So wurde aus der Not eine Tugend gemacht. Darüber hinaus realisierte man die Idee von einer »Außenwohngruppe«, um die Verselbständigung von acht älteren Jugendlichen weiter voran zu treiben. Begleitet wurden diese acht Teenager von zwei Erwachsenen. Die Zeitung titelte anlässlich der Umstrukturierungen innerhalb des Hauses: „St. Agnes jetzt auf neuen Wegen Richtung Zukunft!”

60 Jahre im Priesteramt


er Herr schenkte Pfarrer Ludwig Hartmer 86 Lebensjahre. 60 davon verbrachte er im Priesteramt. Von 1951 bis 1973 war Ludwig Hartmer Pfarrer in der Gemeinde St. Josef in Oer-Erkenschwick. Sein Lebensideal: »Den Menschen in Selbstlosigkeit, Bescheidenheit und stetiger Hilfsbereitschaft zu dienen«. Sein Lebensziel: »Seiner Pfarrgemeinde im Bau der Kirchen in St. Marien und St. Josef geistige und religiöse Mittelpunkte zu schaffen«. Er sorgte sich sehr um das »Kinderheim St. Agnes«, wo er sein Leben dem Schöpfer auch zurückgab. Pfarrer Hartmer wurde am 22. Juli 1986 auf dem Waldfriedhof in Oer-Erkenschwick beigesetzt.

75 Jahre heilige Messe


eit Weihnachten 1923 feiern die »Schwestern von der Göttlichen Vorsehung« im »Kinderheim St. Agnes« ihre tägliche heilige Messe sowie den jährlichen Anbetungstag. 1988 jährte sich dies in Oer-Erkenschwick zum 75. Mal. Wie viel Segen die Schwestern in dieser langen Zeit durch ihre Arbeit und ihre Gebete in diese Stadt gebracht haben, ist bis heute nicht zu ermessen. Der Dank der den Schwestern gebührt, ist alles andere als oberflächlich. Ganz im Gegenteil. Er kommt seitens der Gemeinde, sowie der Stadt und der Bevölkerung aus tiefem und erfülltem Herzen. Die »Schwestern von der Göttlichen Vorsehung« haben das Bild der Stadt Oer-Erkenschwick maßgeblich mitgezeichnet. Der leidenschaftliche, herzliche und selbstlose Einsatz der Schwestern – vor allem in der schweren Zeit des Krieges – bleibt der gesamten Bevölkerung auf ewig in Erinnerung.

Das Gleichnis vom Senfkorn


esus sprach: „Das Reich der Himmel gleicht einem Senfkorn, das ein Mensch nahm und auf seinen Acker säte. Es ist zwar kleiner als alle Arten von Samen, wenn es aber gewachsen ist, so ist es größer als die Kräuter und wird ein Baum, so dass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.” (Matthäus, Kapitel 13, Vers 31-32). Diese Bibelverse zitieren die Schwestern Lucie und Gerlinde noch heute gern. Sie erinnern sich zurück an eine Zeit, in der die Zukunft des »Kinderheim St. Agnes« mehr als fraglich schien. Der Einrichtung an der Ludwigstraße fehlte es an Kindern. Trotz der enormen Ängste und Sorgen wollte man Zuversicht und Hoffnung nicht aus den Augen verlieren. „Ein kleines Senfkorn aus Israel war es, an welches wir uns klammerten”, so Schwester Lucie. „Wir hegten und pflegten es, doch Lohn der Mühen war zunächst nur ein kleines Pflänzchen, welches partout nicht angehen wollte.“ Mehr noch: „Das Pflänzchen war dermaßen von Läusen befallen, dass wir beschlossen, es auf Grund des Lausbefalls samt Topf aus dem Haus zu verbannen – ohne dabei den Glauben an den Gedeih zu verlieren”, berichtet Schwester Gerlinde. Sie war es auch, die wenig später und am Tag der großen Messe anlässlich des 75-jährigen Jubiläums des Hauses noch einmal nach der Pflanze schaute und ihren Augen nicht trauen wollte. Die Läuse waren fort und es hatten sich nicht weniger als vier wunderbare Triebe entwickelt. Dazu eine noch wunderbarere Blüte. „Ich säuberte den Topf und stellte die bedeutungsvolle Pflanze auf den Altar!”, so Schwester Gerlinde. Die stolzen Triebe waren ein Zeichen der Hoffnung. Ein Bild von Jesus Christus, der zur rechten Gottes sitzt und sich für die Erlösung einsetzt. „Das Senfkorn und die daraus entstandenen Triebe und Blüten standen für die Zukunft unseres Hauses, welches sich wie unser zartes Pflänzchen auf wundersame Weise erholte und fortan blühte”, so Schwester Lucie stolz.

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