Kapitel 3

Der Neu­an­fang

Die har­ten Kriegs­jah­re zogen vor­bei, es kam die »Zeit der Bewäh­rung und des Wie­der­auf­baus«. Nicht nur für das »Kin­der­heim St. Agnes« ein Neu­an­fang auf allen Ebe­nen. »Auf­bau­en – reno­vie­ren – moder­ni­sie­ren«, so lau­te­te das all­ge­gen­wär­ti­ge Mot­to. »Selbst­lo­sig­keit, Hilfs­be­reit­schaft sowie ein uner­schüt­ter­li­ches Gemein­schafts­ge­fühl« – die urei­ge­nen Tugen­den des »Schwes­tern­hau­ses« hal­fen dabei, auch in die­ser Pha­se jede her­aus­for­dern­de Hür­de zu meistern…

 

Schutz­en­gel trotzt dem »Feu­er­teu­fel«


as Jahr 1957 begann »heiß«. Ein hin­ter­häl­ti­ger »Feu­er­teu­fel« leg­te an nicht weni­ger als vier Stel­len in den Schrän­ken des Kin­der­gar­tens ein Feu­er und ent­zün­de­te so die gesam­ten Räu­me, die schon nach kur­zer Zeit lich­ter­loh in Flam­men stan­den. Die Schwes­tern hat­ten den nächt­li­chen Brand Gott sei Dank recht rasch bemerkt und konn­ten dank gemein­sa­mer Anstren­gung ein wei­te­res Aus­brei­ten der Flam­men bis zum Ein­tref­fen der Feu­er­wehr ver­hin­dern. Es ent­stand ein Sach­scha­den von gut 10.000 Mark. Der »Schutz­en­gel« ober­halb der ent­zün­de­ten Schrän­ke hat­te einen eben sol­chen und blieb unbe­schä­digt. Drei Mona­te spä­ter konn­ten die ent­spre­chen­den Räu­me wie­der frei­ge­ge­ben werden.

 

Abschied von »Kuh Honny«


wei Jah­re spä­ter hieß es wie­der ein­mal Abschied neh­men – und zwar von der treu­en »Hon­ny«, der als letz­ter Kuh in der lan­gen Geschich­te des »Kin­der­heim St. Agnes« ein eige­nes Kapi­tel zuteil wur­de. »Hon­ny« war aus eige­nen Erzeug­nis­sen schlicht­weg nicht mehr zu ernäh­ren und so traf man den Ent­schluss, sich von die­ser lieb gewon­ne­nen und lan­ge Zeit exis­ten­ti­ell wich­ti­gen Tra­di­ti­on end­gül­tig zu ver­ab­schie­den. Fett­ge­füt­tert muss­te »Hon­ny« 1959 ihr Leben las­sen, nicht aller­dings, bevor sie dem »Schwes­tern­haus« noch zwei klei­ne Kälb­chen schenk­te. Aus der lang gepfleg­ten Kuh­wei­de wur­de schließ­lich ein Spiel- und Turn­platz, der sich größ­ter Beliebt­heit erfreu­te und fort­an stets stark fre­quen­tiert wurde.

 

Gott erlöst Schwes­ter Edentia


icht weni­ger als 38 Jah­re präg­te Schwes­ter Eden­tia das »St.-Agnes-Stift«. Nach mona­te­lan­ger Krank­heit erlös­te sie der lie­be Gott am 28. Janu­ar 1961 von ihrem Krebs­lei­den und hol­te sie zu sich. Schwes­ter Eden­tia hat­te die Erfolgs­ge­schich­te des Stifts maß­geb­lich mit­ge­schrie­ben und blieb des­halb allen Betei­lig­ten sowie dem gesam­ten Ort auf ewig in posi­ti­ver Erin­ne­rung. Die Hand­ar­beits­schwes­ter half der Insti­tu­ti­on durch ihr selbst­lo­ses und hilfs­be­rei­tes Han­deln so man­ches Schick­sal zu über­win­den. Schwes­ter Boni­for­tis ver­such­te fort­an, in die gro­ßen Fuß­stap­fen von Schwes­ter Eden­tia zu tre­ten. Kein ein­fa­ches Unterfangen.

 

Kei­ne Rose ohne Dornen


rei nach dem Mot­to »Kei­ne Rose ohne Dor­nen« brach­ten die fol­gen­den Jah­re viel Fort­schritt und Freud, immer wie­der aber auch Leid. So erkrank­ten im Jahr 1963 der Rei­he nach zahl­rei­che Schwes­tern – teils sogar schwer. Immer wie­der muss­ten per­so­nel­le Eng­päs­se hin­ge­nom­men und Lücken gestopft wer­den. Team­geist, Selbst­lo­sig­keit und Beschei­den­heit mach­ten es mög­lich, dass auch die­se Hür­den stets genom­men wer­den konn­ten. Was in den Jah­ren 1962 und 1963 aller­dings nicht mehr befrie­digt wer­den konn­te, war der Bedarf an Heim­plät­zen. Das Haus platz­te der­weil aus allen Näh­ten und es wur­de inten­siv über einen Neu­bau nach­ge­dacht. Um kei­ne Kin­der mehr abwei­sen zu müs­sen, wur­de flei­ßig geplant und kal­ku­liert. Das heh­re Ziel: zwei Bau­ab­schnit­te soll­ten die Jah­re 1965 und 1966 prä­gen – Kos­ten­punkt: 1,7 Mil­lio­nen Deut­sche Mark. Doch zunächst ein­mal war und blieb der Wunsch »Vater aller Gedan­ken«. Bis zum 10. Okto­ber 1966 soll­te es dau­ern, bis der geplan­te Neu­bau end­gül­tig geneh­migt wur­de. Mitt­ler­wei­le war der Etat auf statt­li­che 2,2 Mil­lio­nen Deut­sche Mark angewachsen.

 

Wei­nen­de und lachen­de Augen


it wei­nen­den und lachen­den Augen beob­ach­te­ten Schwes­tern und Kin­der zu Ostern des Jah­res 1967, wie ein mäch­ti­ger Bag­ger die blü­hen­den Obst­bäu­me im Gar­ten des Stifts gna­den­los ent­fern­te. Dies war jedoch erfor­der­lich, um die Träu­me von einem neu­en Heim für knapp 100 Kin­der Wirk­lich­keit wer­den zu las­sen. Obst­bäu­me und Gemü­se­bee­te soll­ten also einer mäch­ti­gen Bau­gru­be wei­chen. Die Trä­nen über den Ver­lust der Bäu­me waren spä­tes­tens bei der Grund­stein­le­gung des neu­en Hau­ses am 14. Juli 1967 getrocknet.

Gro­ßen Anteil an der Durch­set­zung aller Plä­ne hat­te Hein­rich Fritz Net­ta, gebo­ren im Jah­re 1928 in Oer-Erken­schwick – jener Stadt, der er in den Jah­ren 1963 bis 1987 als »ers­ter Bür­ger« vor­stand. Der zwei­fa­che Fami­li­en­va­ter Net­ta war es auch, der die bis heu­te erhal­te­ne Tra­di­ti­on ins Leben rief, als Bür­ger­meis­ter die Mäd­chen und Jun­gen des Stifts zu Weih­nach­ten zu besu­chen und mit klei­nen, aber sehr per­sön­li­chen Geschen­ken zu beglü­cken. Um das umfang­rei­che Bau­pro­jekt zu rea­li­sie­ren, »über­sprang« Net­ta mit sei­nen Kol­le­gen so man­chen Para­gra­phen. Am 1. März 1968 konn­te das Richt­fest gefei­ert wer­den. Fer­tig­stel­lung des neu­en und Teil­ab­riss des alten Gebäu­des gaben sich im März 1969 prak­tisch die Klin­ke in die Hand. Im sel­ben Jahr fei­er­te Schwes­ter Boni­for­tis – »die Gute Star­ke« – ihr 50-jäh­ri­ges Mit­wir­ken in der »Ordens­ge­mein­schaft von der Gött­li­chen Vorsehung«.

 

Ein­wei­hung des neu­en Hauses


ie »70er-Jah­re« began­nen mit der offi­zi­el­len Ein­wei­hung des neu­en Hau­ses. Die Zere­mo­nie wur­de unter gro­ßer Anteil­nah­me der Bevöl­ke­rung vor­ge­nom­men. Die Soli­da­ri­tät zwi­schen den Schwes­tern und der Bevöl­ke­rung Oer-Erken­schwicks wur­de nicht zuletzt im Rah­men des Umzugs ein­mal mehr deut­lich. Die letz­ten Tei­le des alten St.-Agnes-Stift wur­den übri­gens erst sie­ben Jah­re spä­ter abge­ris­sen. Bis dahin nutz­ten diver­se Grup­pen und Ver­ei­ne der Pfarr­ge­mein­de die übrig geblie­be­nen Räumlichkeiten.

Bür­ger­meis­ter Net­ta beton­te bei der Ein­wei­hung, dass man beim Betrach­ten des neu­en moder­nen Gebäu­des stets auch das Wir­ken inner­halb der »vier Wän­de« im Blick haben sol­le. Dann – und nur dann – sähe man sehr viel mehr, als ein­fach nur ein neu­es Gebäude.

 

Schwes­ter Luci­es Metapher


chwes­ter Lucie beschreibt die ste­ti­gen Umstruk­tu­rie­run­gen und die unauf­halt­sa­me Wei­ter­ent­wick­lung der Ein­rich­tung heu­te meta­pho­risch per­fekt: „Das Leben im St. Agnes gleicht im Grun­de genom­men seit jeher einem regel­mä­ßi­gen Tape­ten­wech­sel. In den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten muss­te stets kräf­tig auf­ge­räumt und reno­viert wer­den”,  so die enga­gier­te Schwes­ter, die noch heu­te täg­lich im Diens­te der Ein­rich­tung steht. In der Tat wur­den alte Tape­ten immer wie­der abge­ris­sen und durch neue ersetzt. Tape­ten mit neu­er Struk­tur und neu­em Mus­ter wur­den auf die bestehen­den Wän­de gekleis­tert. Tape­ten, die nicht immer wirk­lich geschmack­voll, geschwei­ge denn hoch­mo­dern waren – und auch farb­lich nicht immer unbe­dingt den Nerv der Zeit tra­fen. Auch war es nicht immer leicht, den neu­en Tape­ten fes­ten Halt zu geben, „aber geklappt hat es dank des gro­ßen Ein­sat­zes aller Betei­lig­ten irgend­wie immer.” Die­ses Pro­ce­de­re kön­ne man ganz kon­kret 1:1 auf die Arbeit in der Ein­rich­tung über­tra­gen, betont Schwes­ter Lucie, die den Sen­dungs­auf­trag vor Ort in die­ser Form im über­tra­ge­nen Sin­ne exakt umreißt. Schwes­ter Lucie lei­te­te das Haus in der Zeit von 1982 bis 1994 selbst und präg­te somit die über 100-jäh­ri­ge Geschich­te mehr als ent­schei­dend mit.

 

Alle Kraft den Kin­dern geschenkt


err, hier bin ich, Du hast mich geru­fen! – am 19. August 1971 hol­te der lie­be Gott die am 16. März 1893 in Bor­ken gebo­re­ne Schwes­ter Wic­bur­gis, die 42 Jah­re als Lei­te­rin des Kin­der­gar­tens in Klein-Erken­schwick tätig war, heim. Sie starb wohl­vor­be­rei­tet und erge­ben in Got­tes hei­li­gem Wil­len. Unmit­tel­bar bis zu ihrer Heim­kehr hat Schwes­ter Wic­bur­gis ihre gesam­te Kraft barm­her­zig den Kin­dern geschenkt. Ihr Herz war stets für alle Men­schen geöff­net. Sie war all­seits beliebt und ob ihres fro­hen Gemüts und urwüch­si­gen Humors bekannt. Schwes­ter Wic­bur­gis teil­te Leben und Glau­ben und leb­te die Gastfreundschaft.

 

Gelb­sucht sorgt für Quarantäne


rei Jah­re muss­ten die Kin­der des neu­en Hau­ses auf die­sen Moment war­ten, im Jah­re 1971 war es dann end­lich soweit, der neue Spiel­platz wur­de fei­er­lich eröff­net und bot für die jun­gen Bewoh­ner fast alles, was das Kin­der­herz begehrt. Sand­kas­ten, Plansch­be­cken, diver­se Turn­ge­rä­te – ja sogar eine Roll­schuh­bahn wur­de für den sofor­ti­gen Betrieb frei­ge­ge­ben und fort­an flei­ßig genutzt. Ein Jahr spä­ter aller­dings wich die Freu­de am Spiel­pa­ra­dies für eini­ge Wochen. Was war für die Kin­der im Jahr 1972 nicht alles geplant: gut vor­be­rei­te­te Fahr­ten, Jugend­her­bergs­be­su­che und vie­les mehr.

Dass aus alle­dem nichts wur­de, lag dar­an, dass eines der Kin­der unmit­tel­bar vor den Feri­en an Gelb­sucht erkrank­te. Die Lage spitz­te sich der­art zu, dass alle Betei­lig­ten sogar in Qua­ran­tä­ne kamen. Die Schwes­tern schaff­ten es aller­dings, die Ent­täu­schung bei den Kin­dern durch ein »haus­in­ter­nes Alter­na­tiv­pro­gramm« in Gren­zen zu hal­ten. Thea­ter­spie­le, Tän­ze und sogar eine selbst initi­ier­te Kir­mes sorg­ten trotz der wid­ri­gen Umstän­de all­seits für Zufriedenheit.

 

Groß­zü­gi­ge Spendenbereitschaft


wischen 1972 und 1976 war die Zeit geprägt von einer unglaub­lich hohen Hilfs­be­reit­schaft sei­tens der Bevöl­ke­rung. Das »Kin­der­heim St. Agnes« freu­te sich über zahl­rei­che Spen­den. Geschäfts­leu­te, Kegel­clubs und Pri­vat­per­so­nen zeig­ten sich in die­ser Zeit sehr groß­zü­gig und stell­ten Spiel­zeug, Geld, Haus­halts­ge­rä­te, einen Fern­se­her und vie­les mehr zur Ver­fü­gung. Unter­stüt­zung, die das Kin­der­heim im Zuge des Wie­der­auf­baus mehr als gut gebrau­chen konn­te. Neue Richt­li­ni­en im Bereich der Kin­der- und Jugend­hei­me zwan­gen das neue Haus dazu, die Kapa­zi­tät von 96 Kin­der auf 72 her­un­ter zu schrau­ben. Die­se Kin­der wur­den fort­an in sechs »fami­li­en­ähn­li­che Grup­pen« umstrukturiert.

Das neue Haus hat­te vie­les, ja fast alles zu bie­ten, was man sich wün­schen konn­te, nur gab es weder einen Raum für grö­ße­re Fei­er­lich­kei­ten, noch ein Gym­nas­tik­are­al. Pfar­rer Ernst Föcking erklär­te dies zu Beginn sei­ner Amts­zeit (1973 bis 1999) zur Chef­sa­che und errich­te­te im Innen­hof eine Gym­nas­tik­flä­che die 1982 fer­tig gestellt und fort­an sehr flei­ßig genutzt wur­de. Der durch Pfar­rer Föcking orga­ni­sier­te Mini­bag­ger sorg­te in der Bau­pha­se bei »Groß und Klein« für kol­lek­ti­ves Staunen.

 

Vom Wai­sen­haus zur Gruppenwohnung


eit muss man nicht zurück den­ken, da reih­te sich im gro­ßen Schlaf­saal des Kin­der­heims ein Bett an das nächs­te. Nach dem all­mor­gend­li­chen Appell ging es frü­her geschlos­sen in den gro­ßen Spei­se­saal. »Mas­sen­ab­fer­ti­gung« wür­de man dies heu­te wohl nen­nen. All dies gehört an der Lud­wig­stra­ße in Oer-Erken­schwick mitt­ler­wei­le der Ver­gan­gen­heit an. War die Betreu­ung der frü­her meist ver­wais­ten Kin­der bis­lang den flei­ßi­gen »Schwes­tern der Gött­li­chen Vor­se­hung« vor­be­hal­ten, küm­mern sich heu­te über­wie­gend päd­ago­gisch aus­ge­bil­de­te Fach­kräf­te um ihre Grup­pen. Schwes­ter Lucie erin­nert sich: „Mit den Jah­ren wur­de immer mehr Wert auf Qua­li­fi­zie­rung und fach­li­che Aus­rich­tung des Per­so­nals gelegt. Dies war die Grund­la­ge des heu­ti­gen Erfolgs.“

Schwes­ter Sieg­frie­des hat dies maß­geb­lich vor­an­ge­trie­ben und dafür gesorgt, dass die Ein­stel­lung von Per­so­nal von einer guten päd­ago­gi­schen Aus­bil­dung beglei­tet wur­de. Sie ermög­lich­te eine fach­lich kom­pe­ten­te Erzie­her-Aus­bil­dung. Heu­te leben die zu betreu­en­den Kin­der in fami­li­en­ähn­li­chen Grup­pen zusam­men. Vor­ran­gi­ge Bestand­tei­le des Heim­le­bens sind das »Zusam­men­sein«, das »Ein­an­der-Aner­ken­nen« sowie das »Tole­rie­ren« und »Akzep­tie­ren-Ler­nen«. Die Grup­pen­stär­ke wur­de im Zuge der offi­zi­el­len Ein­wei­hung übri­gens von 16 auf 12 Kin­der redu­ziert. Da in den fol­gen­den Jah­ren die Qua­li­fi­zie­rung immer wei­ter vor­an­ge­trie­ben wur­de, wur­de jede ein­zel­ne Grup­pe dar­über hin­aus noch­mals um jeweils drei Kin­der auf eine Grup­pen­stär­ke von Neun verkleinert.

 

Heinz Net­ta fei­ert 20-Jähriges


in Mann, der die posi­ti­ve Ent­wick­lung des »Kin­der­heim St. Agnes« maß­geb­lich mit­ge­stal­te­te, war Heinz Net­ta, Minis­ter des Lands­tags und Bür­ger­meis­ter der Stadt Oer-Erken­schwick. Net­ta fei­er­te im Jah­re 1983 sein 20-jäh­ri­ges Dienst­ju­bi­lä­um als »ers­ter Bür­ger« der Stadt und bedank­te sich in einem emo­tio­na­len Brief per­sön­lich beim Kin­der­heim für die ein­stu­dier­te Tanz­ein­la­ge der Kin­der im Rah­men der Fei­er­lich­keit. Er wer­te­te dies – so Net­ta wört­lich – „als Zei­chen der Ver­bun­den­heit”. Net­tas Frau konn­te und woll­te zahl­rei­che Trä­nen der Freu­de wäh­rend der Tanz­ein­la­ge nicht zurück­hal­ten. Heinz Net­ta soll­te nach sei­nem »20-Jäh­ri­gen« noch vier wei­te­re Jah­re im Bür­ger­meis­ter­amt bleiben.

 

Föcking spricht von »Schwie­rig­kei­ten«


ährend man im »Kin­der­heim St. Agnes« in der Ver­gan­gen­heit nach Lösun­gen such­te, genü­gend Plät­ze für ver­wais­te oder betreu­ungs­be­dürf­ti­ge Kin­der zu schaf­fen, sah man sich im Jah­re 1984 einer ganz ande­ren Pro­ble­ma­tik aus­ge­setzt. Die Fra­ge, die sich Pfar­rer Ernst Föcking in der Gemein­de St. Josef stell­te, lau­te­te viel­mehr: „Wie kön­nen wir unse­re der­zei­ti­ge Zahl von 44 Plät­zen hal­ten?” Von einer Schlie­ßung des gesam­ten Kin­der­heims war in anony­men Infor­ma­tio­nen an die »Stim­ber­ger Zei­tung« gar die Rede. Doch Pfar­rer Föcking stell­te schnell klar, dass als Gegen­maß­nah­me maxi­mal eine der vier Grup­pen geschlos­sen wür­de, nie­mals aber das gesam­te Kinderheim.

„Wir dür­fen auf kei­nen Fall zulas­sen, dass die Kin­der, die aktu­ell von uns betreut wer­den, aber auch die so genann­ten »Ehe­ma­li­gen«, die immer wie­der auf Besuch vor­bei­schau­en, ihre Hei­mat ver­lie­ren”, so der kämp­fe­ri­sche Pfar­rer wei­ter. So genann­te »Pfle­ge­fa­mi­li­en«, die nur einen Bruch­teil jener Kos­ten erzeu­gen, die eine Unter­brin­gung in einem Kin­der­heim ver­ur­sacht, sind in die­ser Zeit eine extre­me Kon­kur­renz für jedes Heim.

 

Platz für Men­schen mit Handicap


n den kom­men­den zwei Jah­ren wur­de das Haus wei­ter umstruk­tu­riert. Man reagier­te so auf den merk­li­chen Bele­gungs­rück­gang und begann damit, leer­ste­hen­de Räum­lich­kei­ten ander­wei­tig sinn­voll zu nut­zen. Man ver­han­del­te mit der Dia­ko­nie und bis 1986 zogen nicht weni­ger als 36 Men­schen mit Behin­de­rung an die Lud­wig­stra­ße. So wur­de aus der Not eine Tugend gemacht. Dar­über hin­aus rea­li­sier­te man die Idee von einer »Außen­wohn­grup­pe«, um die Ver­selb­stän­di­gung von acht älte­ren Jugend­li­chen wei­ter vor­an zu trei­ben. Beglei­tet wur­den die­se acht Teen­ager von zwei Erwach­se­nen. Die Zei­tung titel­te anläss­lich der Umstruk­tu­rie­run­gen inner­halb des Hau­ses: „St. Agnes jetzt auf neu­en Wegen Rich­tung Zukunft!”

 

60 Jah­re im Priesteramt


er Herr schenk­te Pfar­rer Lud­wig Hart­mer 86 Lebens­jah­re. 60 davon ver­brach­te er im Pries­ter­amt. Von 1951 bis 1973 war Lud­wig Hart­mer Pfar­rer in der Gemein­de St. Josef in Oer-Erken­schwick. Sein Lebens­ide­al: »Den Men­schen in Selbst­lo­sig­keit, Beschei­den­heit und ste­ti­ger Hilfs­be­reit­schaft zu die­nen«. Sein Lebens­ziel: »Sei­ner Pfarr­ge­mein­de im Bau der Kir­chen in St. Mari­en und St. Josef geis­ti­ge und reli­giö­se Mit­tel­punk­te zu schaf­fen«. Er sorg­te sich sehr um das »Kin­der­heim St. Agnes«, wo er sein Leben dem Schöp­fer auch zurück­gab. Pfar­rer Hart­mer wur­de am 22. Juli 1986 auf dem Wald­fried­hof in Oer-Erken­schwick beigesetzt.

 

75 Jah­re hei­li­ge Messe


eit Weih­nach­ten 1923 fei­ern die »Schwes­tern von der Gött­li­chen Vor­se­hung« im »Kin­der­heim St. Agnes« ihre täg­li­che hei­li­ge Mes­se sowie den jähr­li­chen Anbe­tungs­tag. 1988 jähr­te sich dies in Oer-Erken­schwick zum 75. Mal. Wie viel Segen die Schwes­tern in die­ser lan­gen Zeit durch ihre Arbeit und ihre Gebe­te in die­se Stadt gebracht haben, ist bis heu­te nicht zu ermes­sen. Der Dank der den Schwes­tern gebührt, ist alles ande­re als ober­fläch­lich. Ganz im Gegen­teil. Er kommt sei­tens der Gemein­de, sowie der Stadt und der Bevöl­ke­rung aus tie­fem und erfüll­tem Her­zen. Die »Schwes­tern von der Gött­li­chen Vor­se­hung« haben das Bild der Stadt Oer-Erken­schwick maß­geb­lich mit­ge­zeich­net. Der lei­den­schaft­li­che, herz­li­che und selbst­lo­se Ein­satz der Schwes­tern – vor allem in der schwe­ren Zeit des Krie­ges – bleibt der gesam­ten Bevöl­ke­rung auf ewig in Erinnerung.

 

Das Gleich­nis vom Senfkorn


esus sprach: „Das Reich der Him­mel gleicht einem Senf­korn, das ein Mensch nahm und auf sei­nen Acker säte. Es ist zwar klei­ner als alle Arten von Samen, wenn es aber gewach­sen ist, so ist es grö­ßer als die Kräu­ter und wird ein Baum, so dass die Vögel des Him­mels kom­men und in sei­nen Zwei­gen nis­ten.” (Mat­thä­us, Kapi­tel 13, Vers 31–32). Die­se Bibel­ver­se zitie­ren die Schwes­tern Lucie und Ger­lin­de noch heu­te gern. Sie erin­nern sich zurück an eine Zeit, in der die Zukunft des »Kin­der­heim St. Agnes« mehr als frag­lich schien. Der Ein­rich­tung an der Lud­wig­stra­ße fehl­te es an Kin­dern. Trotz der enor­men Ängs­te und Sor­gen woll­te man Zuver­sicht und Hoff­nung nicht aus den Augen ver­lie­ren. „Ein klei­nes Senf­korn aus Isra­el war es, an wel­ches wir uns klam­mer­ten”, so Schwes­ter Lucie. „Wir heg­ten und pfleg­ten es, doch Lohn der Mühen war zunächst nur ein klei­nes Pflänz­chen, wel­ches par­tout nicht ange­hen woll­te.“ Mehr noch: „Das Pflänz­chen war der­ma­ßen von Läu­sen befal­len, dass wir beschlos­sen, es auf Grund des Laus­be­falls samt Topf aus dem Haus zu ver­ban­nen — ohne dabei den Glau­ben an den Gedeih zu ver­lie­ren”, berich­tet Schwes­ter Ger­lin­de. Sie war es auch, die wenig spä­ter und am Tag der gro­ßen Mes­se anläss­lich des 75-jäh­ri­gen Jubi­lä­ums des Hau­ses noch ein­mal nach der Pflan­ze schau­te und ihren Augen nicht trau­en woll­te. Die Läu­se waren fort und es hat­ten sich nicht weni­ger als vier wun­der­ba­re Trie­be ent­wi­ckelt. Dazu eine noch wun­der­ba­re­re Blü­te. „Ich säu­ber­te den Topf und stell­te die bedeu­tungs­vol­le Pflan­ze auf den Altar!”, so Schwes­ter Ger­lin­de. Die stol­zen Trie­be waren ein Zei­chen der Hoff­nung. Ein Bild von Jesus Chris­tus, der zur rech­ten Got­tes sitzt und sich für die Erlö­sung ein­setzt. „Das Senf­korn und die dar­aus ent­stan­de­nen Trie­be und Blü­ten stan­den für die Zukunft unse­res Hau­ses, wel­ches sich wie unser zar­tes Pflänz­chen auf wun­der­sa­me Wei­se erhol­te und fort­an blüh­te”, so Schwes­ter Lucie stolz.

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