Anekdoten: Der Brief

2003 fei­er­te man in Oer-Erken­schwick »90 Jah­re Schwes­tern von der Gött­li­chen Vor­se­hung« im »Kin­der­heim St. Agnes«. Zu die­sem Anlass haben zahl­rei­che Weg­ge­fähr­ten schö­ne Geschich­ten und Anek­do­ten zu Papier gebracht, die wir an die­ser Stel­le gern ver­öf­fent­li­chen möchten.

 

Der Brief


icher haben Sie von dem berühm­ten »Brief an Per­sön­lich­kei­ten« von Kar­di­nal Albi­no Lucia­ni, dem spä­te­ren Papst Johan­nes Paul I. gehört. An jeden sei­ner Adres­sa­ten (z. B. Figa­ro, König David, Pinoc­chio, Pene­lo­pe, The­re­se von Li-sieux usw.) bringt er humor‑, aber auch lie­be­voll eins von den ewig glü­hen­den The­men der Mensch­heit dar: die Treue, den Glau­ben, die Erzie­hung, die Jugend, die Bil­dung, die Hei­lig­keit und alles Mög­li­che. Er weiß sie mit Anek­do­ten und Wit­zen aus aller Welt zu wür­zen und dadurch uns zu überzeugen.

 

ann bin ich auch auf die Idee gekom­men, Ihnen einen Brief zu schrei­ben, nicht weil ich vor­ha­be, Papst zu wer­den — Gott bewah­re -, son­dern weil ich an Ihrer Freu­de teil­ha­ben möch­te. „Wenn ich an das Kin­der­heim St. Agnes den­ke…”, den­ke ich an das Wort von Domi­ni­kus Savio: „Hier bei uns wird man mit Fröh­lich­keit hei­lig”. Das haben Sie, ver­ehr­te Jubi­la­rin­nen, geleis­tet: Froh zu sein und Freu­de zu brin­gen. Ich erin­ne­re mich an eine Anek­do­te, im »Brief an die Hl. The­re­se von Lisieux« erwähnt: Ein­mal starb ein Ire ganz unver­hofft. Er stand plötz­lich vor dem gött­li­chen Rich­ter. Eine gan­ze Rei­he war noch vor ihm. Alle muss­ten sie Rechen­schaft able­gen. Chris­tus schlug in dem dicken Buch nach und sag­te zum ers­ten: „Da steht: Ich hat­te Hun­ger, und du hast mir zu essen gege­ben. Bra­vo! Ab in den Him­mel!” Zum zwei­ten: „Ich war im Gefäng­nis und du hast mich besucht!” Und so wei­ter. Bei jedem, der in den Him­mel beför­dert wur­de, kam dem Iren das Zit­tern. Er hat­te weder zu essen noch zu trin­ken gege­ben und hat­te kei­ne Gefan­ge­nen und kei­ne Kran­ken besucht. Nun kam er an die Rei­he. Er blick­te auf Chris­tus hin, der in sei­nem Buch nach­schlug, und zit­ter­te vor Angst. Aber Chris­tus blick­te auf und sag­te: „Ich war trau­rig, ich war ent­täuscht, ich war nie­der­ge­schla­gen, und du bist gekom­men und hast mir Wit­ze erzählt. Du hast mich zum Lachen gebracht und mir Mut gege­ben. In den Him­mel!” Mit wie viel Lie­be wird Jesus Sie anbli­cken und sagen: „Ja, Ihr habt mich zum Lächeln gebracht, mei­nen Kin­dern Hei­mat gege­ben und Gebor­gen­heit geschenkt. Kommt in den Himmel!”

 

nd weil die Rede von Euch, lie­be Kin­der und Ado­les­zen­ten war, sehe ich Euch allen Stür­men aus­ge­setzt. Einer­seits wollt Ihr Euer Ich bestä­ti­gen, ande­rer­seits habt Ihr Angst, Euch von den ande­ren zu unter­schei­den. Auf dem Weg zur Selb­stän­dig­keit wer­det Ihr auf ein heik­les Pro­blem sto­ßen: das des Glau­bens. Es wer­den Ein­wän­de gegen die Reli­gi­on und beson­ders gegen die Kir­che von allen Sei­ten erho­ben — Ihr kommt in Gefahr, am Glau­ben zu zwei­feln. Ihr sollt Euch aber eine Erzäh­lung mer­ken, die von einem Pre­di­ger in Lon­don erzählt. Der sprach unter frei­em Him­mel, wur­de aber immer wie­der von einem schmut­zi­gen und unfri­sier­ten Kerl unter­bro­chen. — „Seit 2000 Jah­ren gibt es die Kir­che, und die Welt ist immer noch voll von Die­ben, Ehe­bre­chern und Mör­dern!” — „Ihr habt Recht”, gab ihm der Pre­di­ger zur Ant­wort, „seit zwei Mil­lio­nen von Jahr­hun­der­ten gibt es das Was­ser auf der Erde, und schau­en sie, in wel­chem Zustand sich ihr Kra­gen befin­det!” Das will sagen, dass es immer wie­der Fäl­le gege­ben hat, wo das Evan­ge­li­um nicht gelebt wur­de. Wäre das nicht gera­de eine rei­zen­de Auf­ga­be für Euch, die Ihr Brü­der­lich­keit und Auf­rich­tig­keit wollt, die Ihr Euch gegen jede will­kür­li­che Aus­übung von Auto­ri­tät auf­lehnt? Könn­te nicht Chris­tus, der gesagt hat: „Ihr alle seid Brü­der!” Euer Vor­bild sein? Er hat die Heu­che­lei ver­ur­teilt, sich der Schwa­chen und|/erachteten ange­nom­men und neu­en Lebens­mut geschenkt. Wie steht’s? Einverstanden?

 

ann wer­den auch Eure Erzie­her die Geduld und Nach­sicht, Lie­be und Ver­ständ­nis Euch erwie­sen haben, sich sehr dar­über freu­en. Ihnen gilt auch das Wort, das von Don Bosco stammt: „Viel tut, wer wenig tut, aber tut, was er tun muss; nichts tut, wer viel tut, aber nicht tut, was er tun muss.” Damit mache ich Schluss. Haben Sie Ver­trau­en in die Zukunft: die Zei­ten ändern sich, Chris­tus bleibt derselbe.

Sorin Bran­diu